Ödön von Horváths „Kasimir und Karoline“ in Münster
Ein Totentanz der Liebe

Münster -

„Und die Liebe höret nimmer auf“ – diesen Satz aus dem 1. Korintherbrief stellt Ödön von Horváth seinem Volksstück „Kasimir und Karoline“ als Motto voran. Obwohl er hier gar nicht stimmt. Die Liebe kommt den beiden abhanden, als Kasimir seine Arbeit verliert. In der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre ist das nicht gut. Es höhlt nicht nur den Geldbeutel, sondern auch das Selbstbewusstsein aus. Also mutmaßt er, dass Karoline so einen wie ihn gar nicht mehr lieben könne. Und weil man gerade gestritten hat, nimmt sie ihn beim Wort und hält Ausschau nach einer besseren Partie. Das Münchner Oktoberfest ist dafür eine ideale Spielwiese.

Sonntag, 28.04.2019, 16:31 Uhr aktualisiert: 29.04.2019, 18:54 Uhr
Karoline (Sandra Bezler) liebt eigentlich Kasimir (Paul Maximilian Schulze, r.). Der jedoch verliert seine Arbeit, und im Hintergrund lauern schon diverse Galane (v. l. Wilhelm Schlotterer, Jonas Riemer und Gerhard Mohr).
Karoline (Sandra Bezler) liebt eigentlich Kasimir (Paul Maximilian Schulze, r.). Der jedoch verliert seine Arbeit, und im Hintergrund lauern schon diverse Galane (v. l. Wilhelm Schlotterer, Jonas Riemer und Gerhard Mohr). Foto: Marion Bührle

Von einem Oktoberfest ist in Frank Behnkes zeitlos gehaltener Inszenierung am Theater Münster allerdings wenig zu sehen. Die Bühne im Großen Haus (Martin Miotk) ist eine leere Fläche, auf der Vergnügungen wie Achterbahn oder Hippodrom durch Körperbewegungen simuliert werden. Für den Verkauf von Schnaps und Eis gibt es ein paar grob zusammengeklebte Kulissen, und zwischen den Szenen treten Festbesucher auf, die mit ihren grell geschminkten Gesichtern wie ein höhnischer Kommentar auf die Not der Zeit wirken.

Sandra Bezlers Karoline ist ein fesches Mädchen. Mit Bubikopf und kurzem Rock zieht sie schnell die Aufmerksamkeit der Männer auf sich und hangelt sich so vom kleinen Angestellten Schürzinger zu dessen Chef, dem Kommerzienrat Rauch. Gesellschaftlich ist das ein Aufstieg, emotional eher ein Abstieg. Gibt Jonas Riemer seinem Schürzinger noch sympathische Komik mit, dominiert bei Wilhelm Schlotterers Kommerzienrat ganz das Eklige, das Alles-kaufen-Können. Ähnliches gilt auch für Gerhard Mohr in der Rolle des Landgerichtsdirektors Speer. Hier hätte bei der Darstellung etwas weniger gereicht. Schließlich entlarven sich die beiden schon durch ihr Reden.

Parallel zu Karolines Aufstiegsbestrebungen betreibt Kasimir seinen Niedergang. Paul Maximilian Schulze wechselt dabei gekonnt zwischen Aufbegehren und Resignation – angestachelt vom Merkl Franz, einem Kleinganoven, dem Ronny Miersch eine passende Portion Großspurigkeit mitgibt. Seelischen Halt findet Kasimir schließlich in Merkls Freundin Erna. Ulrike Knobloch stattet sie mit geringem Verstand, dafür aber mit großem Herz aus und macht sie so zur Sympathieträgerin des ganzen Dramas.

Insgesamt ist Behnke und seinem Ensemble eine durchaus sehenswerte Inszenierung gelungen, die ihre Stärke vor allem aus den Dialogen zieht. Gut herausgearbeitet ist auch der Widerstreit zwischen rationalem und emotionalem Handeln, der sich bei allen Figuren, besonders aber bei Karoline findet. „Man hat halt oft so eine Sehnsucht in sich“, wie sie am Ende sagt.

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Die nächsten Vorstellungen: 30. April, 2., 4. und 10. Mai

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