Hermann Wallmann hört als Leiter des Internationalen Lyrikertreffens auf
Potenzial ist nicht realisiert worden

Münster -

Nach über 25 Jahren hört Hermann Wallmann als Leiter des Internationalen Lyrikertreffens auf. Zu den Gründen und seinen Plänen befragte ihn unser Redaktionsmitglied Gerhard H. Kock.

Sonntag, 02.06.2019, 16:34 Uhr
Hermann Wallmann ist das prägende Gesicht der münsterischen Literatur: Als Leiter der Lyrikertreffen hört er auf, Vorsitzender des Literaturvereins bleibt er.
Hermann Wallmann ist das prägende Gesicht der münsterischen Literatur: Als Leiter der Lyrikertreffen hört er auf, Vorsitzender des Literaturvereins bleibt er. Foto: Gunnar A. Pier

Warum hören Sie auf?

Wallmann: Eine Reihe von „nichtöffentlichen“ Gründen hatte sich angehäuft. Aber letzten Endes war es so etwas wie eine unverhoffte Erleuchtung. Neben Herta Müller auf der Bühne war ich mit einem Mal glücklich, und fast hätte ich es jauchzend ausgerufen: „Dieses war mein letztes Lyrikertreffen!“ – Mag sein, dass eine Messerspitze Befürchtung dabei war, beim nächsten Mal einer Sternstunde hinterherzutrauern wie jetzt der Begegnung und dem Gespräch mit Herta Müller . . . Ein langjähriger Grund ist die Enttäuschung über die Entwicklung, die der Poesiepreis genommen hat. Jede einzelne Entscheidung war plausibel, aber insgesamt ist das Potenzial des Preises nicht realisiert worden. Besonders bedauert habe ich die Entscheidung der Jury, eine Übersetzung aus dem Deutschen in eine andere Sprache nicht einmal mehr in Erwägung zu ziehen.

Wie lange haben Sie das Treffen organisiert?

Wallmann: Im Vorjahr des 1200-jährigen Stadtjubiläums machte ich seitens des Literaturvereins dem damaligen Stadtdirektor Hermann Jansen den Vorschlag, die anstehende strukturelle und finanzielle „Verschlankung“ des Lyrikertreffens durch einen publikumswirksamen Literaturpreis zu kompensieren: Ausgezeichnet werden sollten ein Lyrikband und dessen Übersetzung – aus dem Deutschen oder ins Deutsche. Der unvergessliche Herr Jansen war begeistert: „Preis der Stadt Münster für Europäische Poesie“. Im Jahr des Stadtjubiläums wurde dieser damals ziemlich einzigartige Preis erstmalig vergeben; der Literaturverein Münster wurde in die Vorbereitung des Lyrikertreffens einbezogen, und ich moderierte als eine Art Gastkurator am 19. Mai 1993 das nach dem damaligen Preisträger benannte „Zanzotto-Projekt“.

Wie kam es, wie kamen Sie zum Lyrikertreffen?

Wallmann: Ab 1995 trat der Literaturverein Münster an die Stelle der Droste-Gesellschaft, und ich übernahm die künstlerische Leitung, zunächst mit einem Leitungsteam: in den Jahren 1995 bis 2005 mit Susanne Schulte und Norbert Wehr; die jeweils für ein Programmsegment verantwortlich waren. Dann zog Susanne Schulte sich zurück, auch wegen ihrer Aufgaben in der GWK. (Eine herrliche Kon­stante des Lyrikertreffens ist ihr noch immer zu verdanken: Sie vermittelt die Musiker, die im Erbdrostenhof die Preisverleihung „begleiten“.) Im Jahr 2007 war noch mal Norbert Wehr beteiligt, und von 2009 bis 2019 war ich der alleinige Künstlerische Leiter – hatte aber immer Gastmoderatoren an meiner Seite. Vor zehn Jahren wurde das Lyrikertreffen ergänzt durch ein „poetry“-Programm, das Lyrik in Verbindung mit anderen künstlerischen Gattungen bringt und die „freie Szene“ einbezieht, und 2011 wurde der Poesie-Preis erweitert – zum „Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie“. Ja, und dann ist das Vierteljahrhundert meiner Arbeit für das Lyrikertreffen auch schon vorübergegangen wie ein Nachmittag . . .

Wie hat sich das Lyrikertreffen entwickelt?

Wallmann: Gleichzeitig zu einer größeren Konzen­tration – nicht mehr diese Mammut-Lesungen – und zu einer Ausweitung in Richtung anderer künstlerischer Disziplinen: Foto, moderne Musik, Film, poetry-clip. In diesem Jahr war die vielfältige Einbeziehung der Universität Münster ein wichtiger Schritt.

Was waren persönlich und/oder literarisch die unvergesslichen Momente?

Wallmann: Die Auftritte und Lesungen von Autoren wie Tomas Tranströmer, Lars Gustafsson, Inger Christensen, Thomas Kling, Esther Kinsky, Jan Wagner. Oder jetzt noch einmal Herta Müller zu erleben, auf der Bühne und im privaten Gespräch, das waren und sind oft auch Begegnungen „fürs Leben“, existenzielle Bereicherungen, Kontakte, die blieben und bleiben. Aktuell wunderbar war der Kontakt mit der fantastischen Anneke Brassinga, die ich im letzten Augenblick für den erkranktem Cees Nooteboom gewinnen konnte.

Welche Anekdote ist Ihnen in Erinnerung geblieben?

Wallmann: Paulus Böhmer, als er sich – 2003 – überhaupt nicht an den vorgegeben Zeitrahmen hielt und – gefühlt: eine Stunde lang – eine faszinierende „Litanei“ vortrug, fesselnd wie nur was, aber leider auf Kosten der nach ihm kommenden Autoren.

Wie geht es weiter?

Wallmann: Wenn man mich fragt, bin ich zu jeder Beratung bereit, habe bereits eine Liste mit einem guten halben Dutzend möglicher Nachfolger zusammengestellt, habe auch eine Reihe von strukturellen Optimierungen im Kopf. Die Einbeziehung verschiedener sprach-, kunst- und literaturwissenschaftlicher Institute der WWU kann vertieft und erweitert, die Zusammenarbeit mit der Filmwerkstatt ausgebaut werden, die wunderbare Studiobühne sollte auch in Zukunft ein Veranstaltungsort sein. Im Prinzip bin ich auch zur Übernahme der einen oder anderen Moderation bereit, aber ich möchte nicht mehr für das Ganze zuständig sein. Vivant sequentes!

Bleiben Sie Vorsitzender des Literaturvereins?

Wallmann: Ich bin noch bis 2020 gewählt, habe die Lust am Lesen und Schreiben ebenso wenig verloren wie die Freude an der Begegnung mit den Autoren.

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