Haare runter, Kopf hoch
„Barber Angels“ frisieren erstmals Bedürftige in Münster

Münster -

Schnitt mit großer Wirkung: Der gemeinnützige Friseur-Verein „Barber Angels Brotherhood“ war am Sonntag erstmals in Münster, um Obdachlosen mit einem Gratis-Haarschnitt ein Stück Selbstwertgefühl zurückzugeben. Und als hätte die Aktion mitten auf einem Bahnsteig nicht schon genug Aufsehen erregt, kamen die „Engel“ auch noch in besonderem Outfit.

Montag, 03.06.2019, 19:00 Uhr aktualisiert: 04.06.2019, 10:27 Uhr
Mitten auf dem Gleis am Hauptbahnhof gaben die „Barber Angels“ Obdachlosen mit einer neuen Frisur ein Stück Würde zurück.
Mitten auf dem Gleis am Hauptbahnhof gaben die „Barber Angels“ Obdachlosen mit einer neuen Frisur ein Stück Würde zurück. Foto: Pjer Biederstädt

Auf Gleis 9/11 am Hauptbahnhof lassen sich Engel eher selten blicken. Schon gar keine in Biker-Kluft mit Schere und Rasierer im Gepäck. Am Sonntag haben bei der Bahnhofsmission gleich zehn von ihnen Station gemacht. Die  „Barber Angels Brotherhood“ , ein Verein gemeinnütziger Friseure, kam zum ersten Mal nach Münster und schnitt in und vor der Bahnhofsmission Obdachlosen und bedürftigen Menschen kostenlos die Haare.

Gespannt richtet Nini ihren Blick auf den Spiegel. „Sieht gut aus“, freut sich die junge Frau über den neuen Look. Später bekommt Nini – in der Bahnhofsmission keine Unbekannte – noch ein paar Tipps in Sachen Make-up und Augenbrauen. „Richtig gute Aktion“, sagt Nini, die lieber nur ihren Vornamen in der Zeitung lesen möchte.

Absolute Herzensangelegenheit

Ihren Stuhl mitten auf dem Bahnsteig räumt sie unter den neugierigen Blicken der Bahnreisenden für einen Mann, der seine langen Haare bei 30 Grad doch gerne ein ganzes Stück kürzer hätte. Die „Barber Angels“ haben alle Hände voll zu tun in den drei Stunden. Der Einsatz sei eine Herzensangelegenheit und werde mit „purer Dankbarkeit“ entlohnt, sagt Andreas Althoff, Leiter des Gebiets Münsterland/Ruhrgebiet.

„Barber Angels“ schneiden Obdachlosen die Haare

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  • Am Sonntag (2. Juni 2019) kamen erstmals die „Barber Angels“ nach Münster. Der gemeinnützige Friseur-Verein im Rocker-Look, der in zahlreichen Ländern aktiv ist, schneidet Obdachlosen und Bedürftigen auf dem Bahnsteig des Gleises 9/12 am Hauptbahnhof Münster kostenlos die Haare. Nini hatte sichtlich Spaß bei der Aktion. Die junge Frau aus Münster alberte beim Fotoshooting herum, noch ganz euphorisiert von ihrem neuen Look.

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Bei 30 Grad entledigte der „Engel mit Schere“ diesem Mann seiner Matte. Außerdem wurde der Bart etwas gekürzt.

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Die „Barber Angels“ kommen mit Kutte daher. Auf dem T-Shirt prangt das Logo mit dem Flügelwappenlogo mit der Schere und dem Rasiermesser. Das Outfit soll die Hemmschwelle für Bedürftige senken, sich helfen zu lassen.

    Foto: Pjer Biederstädt
  • Spange, Tupfer: Die Kutte hat auch ihre praktischen Seiten.

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  • Nini post vor der Bahnhofsmission mit den „Barber Angels“.

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  • Christine Kockmann, Leiterin der Bahnhofsmission, freute sich über den vollen Erfolg und hofft, dass die Angels jetzt öfter in die Stadt kommen.

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  • Foto: Pjer Biederstädt

In der „Angels“-Sprache wird Althoff nicht Leiter genannt, sondern Zenturio. Und das Gebiet ist ein Chapter. Viele Friseure haben Tattoos, tragen Silberschmuck, pflegen den Rocker-Look. Doch warum die Maskerade? „Erstens erregen wir auf diese Art Aufsehen. Und zweitens haben die Menschen, denen wir helfen wollen, weniger Hemmungen auf uns zuzugehen“, sagt Carsten Ertmer-Geldermann von den „Barber Angels“. Berührungsängste abzubauen sei wichtig, denn Hilfe in Anspruch zu nehmen, falle den Obdachlosen und Bedürftigen nicht leicht.

Unterstützung gesucht

In dem Wissen darum hatte Christine Kockmann, Leiterin der Bahnhofsmission in Münster, vor dem ersten Besuch der Charity-Friseure Sorge, dass niemand kommen würde. Vollkommen unberechtigt, wie die im Sekundentakt zu Boden fallenden Locken beweisen. „Schön, dass das Angebot angenommen wird. Vor allem gefällt mir die Atmos­phäre richtig gut“, sagt Kockmann, die genau wie die Angels auf eine langfristige Kooperation setzt.

Alle zwei bis drei Monate wollen die „Barber Angels“ von jetzt an nach Münster kommen. Um das zu realisieren, kann der Verein Unterstützung von Friseuren aus Münster gut gebrauchen, sagt Carsten Ertmer-Geldermann.

Wieder wahrgenommen werden

Die Besuche der „Barber Angels“ werden jedoch nicht angekündigt. Und das aus guten Gründen: Manche Menschen, die sich einen Friseurbesuch leisten können, nutzten das Angebot für Bedürftige aus, um Geld zu sparen, erklärt Carsten Ertmer-Geldermann. 

Fakten zum "Barber Angels Brotherhood"

Im November 2016 gründete Claus Niedermaier, der „Figaro“ aus Biberach an der Riß (Baden-Württemberg), gemeinsam mit befreundeten Kollegen den Club „Barber Angels Brotherhood“. Die „Barber Angels“ sind seither mit bereits über 250 Mitgliedern in Deutschland, Österreich, der Schweiz, in Spanien/Mallorca und in den Niederlanden fast jede Woche im Einsatz, um wohnungslosen und bedürftigen Menschen durch kostenlose Haar- und Bartschnitte etwas Selbstwertgefühl zurückzugeben.

Der gemeinnützige Verein hat in mehr als 400 Einsätzen über 40 000 Menschen die Haare geschnitten. Unterteilt sind sie in regionalen Zusammenschlüssen von Friseuren, sogenannte Chapter. Der Verein wurde mehrfach ausgezeichnet, wie zum Beispiel mit dem „Grand Prix Humanitaire de France 2019“ sowie einer Einladung des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier zum Bürgerfest für herausragende Ehrenamtsarbeit.

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Von anderen Friseuren müssten sich die ehrenamtlichen „Barber Angels“ hin und wieder anhören, dass sie ihnen das Geschäft kaputt machen. „Doch die Leute, die zu uns kommen, können sich den Besuch im Salon nicht leisten und würden dort nie hingehen“, sagt Carsten Ertmer-Geldermann.

Nini strahlt auch eine halbe Stunde nach dem Umstyling noch über das ganze Gesicht. Es ist zwar nur ein neuer Haarschnitt, doch er gibt Menschen, die am Rande der Gesellschaft oft übersehen werden, das Gefühl, wieder wahrgenommen zu werden.

Zum Thema

Interessierte Friseure aus Münster können sich per E-Mail an info@b-a-b.club wenden

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