Interview zur Tagung der Radioonkologen
„Münster spielt große Rolle“

Münster -

In der Behandlung von Krebspatienten ist die Strahlentherapie neben der medikamentösen Therapie und Chirurgie eine wichtige Säule. Vor der 25. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO) in Münster erzählte Prof. Dr. Hans Theodor Eich als Direktor der Klinik für Strahlentherapie am Universitätsklinikum Münster (UKM) über die Bedeutung der Radioonkologie heute und seine Erwartungen an den Kongress.

Samstag, 08.06.2019, 14:00 Uhr aktualisiert: 10.06.2019, 15:41 Uhr
Prof. Dr. Hans Theodor Eich ist Direktor der Klinik für Strahlentherapie am Universitätsklinikum Münster.
Prof. Dr. Hans Theodor Eich ist Direktor der Klinik für Strahlentherapie am Universitätsklinikum Münster. Foto: Oliver Werner

Sie behandeln von Kopf bis Fuß. Manchmal großflächig, manchmal nur millimeterklein. Aber immer punktgenau und präzise. Radioonkologen sind Spezialisten, wenn es um die Therapie von Tumoren geht. In der Behandlung von Krebspatienten ist die Strahlentherapie neben der medikamentösen Therapie und Chirurgie eine wichtige Säule. Und sie hat sich in den vergangenen Jahren immer weiter entwickelt, ist hoch technisiert und viel individueller einsetzbar als in ihren Anfangszeiten. In Münster treffen sich in der kommenden Woche bis zu 3000 Fachleute, die in diesem Bereich arbeiten, forschen und behandeln. Prof. Dr. Hans Theodor Eich als Direktor der Klinik für Strahlentherapie am Universitätsklinikum Münster (UKM) ist Gastgeber der 25. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Radioonkologie (DEGRO). Unsere Redakteurin Martina Döbbe sprach mit ihm als Tagungspräsidenten über die Bedeutung der Radioonkologie heute und seine Erwartungen an den Kongress.

Herr Prof. Eich, Sie heißen vom kommenden Donnerstag an viele Kollegen aus aller Welt in der Halle Münsterland willkommen. Hat es einen besonderen Grund, dass Münster als Standort für die 25. Jahrestagung ausgewählt wurde?

Prof. Eich: Der Lehrstuhl für Strahlenheilkunde in Münster war einer der ersten überhaupt, insofern gibt es hier am Universitätsklinikum auch eine lange Verpflichtung diesem klinischen Fach gegenüber. Der damalige Direktor, Prof. Schnepper, hat aus der sogenannten Münsteraner Schule sieben weitere Lehrstühle in Deutschland und Österreich mit seinen Mitarbeitern besetzen können. Insofern freue ich mich, dass ich heute in dieser Reihe stehen darf und bin auch stolz, diese Tradition hier fortzusetzen. Mein Vorgänger Prof. Willich ist unserer Gesellschaft immer noch als Geschäftsführer eng verbunden, insofern spielt Münster eine große Rolle und ist ein würdiger Ort für diesen Kongress. Ich bin dankbar, dass Prof. Oliver Micke mich als Co-Präsident unterstützt. Er ist Schüler von Prof. Willich und Chefarzt in Bielefeld.

Können Sie Aufgabe und Ziel der Radioonkologie in einem Satz beschreiben?

Prof. Eich: Wir wollen Krebspatienten mit dem Einsatz von Strahlung helfen.

Der Leitgedanke des Kongresses lautet „Qualität, Vernetzung und Sichtbarkeit“. Können Sie die einzelnen Aspekte ein bisschen vertiefen? Was bedeutet das für den Patienten?

Prof. Eich: Strahlung kann man nicht sehen, nicht riechen, nicht schmecken. Es ist wichtig, dass die Therapie absolut präzise ist und exakt eingesetzt wird, um Nebenwirkungen zu vermeiden. Der hohe Qualitätsanspruch zeigt sich zum Beispiel daran, dass Patientenakten 30 Jahre aufbewahrt werden müssen, um nach langer Zeit noch nachhalten zu können, was gemacht wurde. Und ob daraus etwaige Spätfolgen abzuleiten sind. Denn ganz sicher ist: Der Körper vergisst keine Strahlung. Zur Qualität gehört, dass jeden Morgen die Geräte komplett gecheckt werden, ehe der Betrieb beginnt. Nur so ist die erforderliche Sicherheit gewährleistet. Wichtig ist auch die Zusammenarbeit im eigenen Team, zu dem neben den Radioonkologen auch Medizinphysiker und Strahlenbiologen zählen. Aber auch die Vernetzung mit anderen Fachdisziplinen ist Grundlage für eine individuelle Behandlung. Wöchentlich stehen allein 23 Tumorkonferenzen auf dem Plan. Dort werden mit den jeweiligen Kollegen aus dem Hals-, Nasen-Ohren-Bereich, Medizinischer Onkologie, Urologie, Neuroonkologie, der Orthopädie, der Zahnmedizin, der Gynäkologie, der Dermatologie und der Kinderonkologie jeder einzelne Patient und seine Behandlung besprochen. Nur so lässt sich für jeden ein optimales Konzept finden.

Die Diagnose Krebs ist immer bitter, für jeden Betroffenen. Aber trotz vieler Fortschritte in der Medizin haben Menschen oft auch Vorbehalte gegenüber Chemotherapie und Bestrahlung, haben Angst vor den Nebenwirkungen. Erleben Sie das auch bei Ihren Patienten?

Prof. Eich: Oh ja, bei Strahlen denken manche zunächst einmal an Tschernobyl oder Hiroshima. Auch die Bilder von starken Verbrennungen, wie sie früher durchaus passiert sind, rücken ins Bewusstsein. Insofern sind Aufklärung, Erklärung und Information ein wichtiger Bereich, der am Anfang der Behandlung Ängste und Zweifel ausräumen soll. Wir registrieren in der Radioonkologie im UKM jährlich etwa 2000 neue Patienten, und fast alle haben eine bösartige Erkrankung. Nur fünf Prozent von ihnen haben eine gutartige Veränderung, die mit Strahlen behandelt wird, zum Beispiel ein Fersensporn oder ein Tennisarm, wo eine Reizbestrahlung erfolgreich eingesetzt werden kann. Es gibt zum Beispiel auch inopera­ble Tumore, wo der Strahlentherapie deshalb eine ganz besondere Bedeutung zukommt. Insofern ist es wichtig, dass zwischen Arzt und Patient auch ein Vertrauensverhältnis aufgebaut wird, um die Sorgen möglichst zu minimieren und die Heilungsaussichten in den Mittelpunkt zu stellen. Ganz klar ist, es wird nichts gemacht, was der Patient nicht möchte.

Wie viele Geräte haben Sie am UKM zur Verfügung, und wie werden sie eingesetzt?

Prof. Eich: Wir haben zurzeit vier moderne Linearbeschleuniger, ein fünftes Gerät wird in den nächsten Wochen aufgestellt. Die Geräte laufen in der Regel von etwa 7.45 Uhr bis 20.30 Uhr. Eine exzellente Geräteausstattung ist in unserem Bereich einfach das A und O, sie sind inzwischen so fein einstellbar und exakt, dass wir als Radioonkologen wirklich sagen dürfen, dass sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine fulminante Entwicklung vollzogen hat. Bei unserem Kongress geht es aber auch darum, dennoch nicht zu verharren, sondern den Blick weiter nach vorn zu richten. Neue Techniken, neue Substanzen, neue Medikamente, all das sind und bleiben Themen der Zukunft. Die Entwicklung geht weiter.

Wie sieht es mit medizinischem Nachwuchs aus in Ihrer Fachdisziplin? Gibt es auch in Zukunft genügend Radioonkologen?

Prof. Eich: Ja, da bin ich sicher. Wir tun in unserer Fachgesellschaft einiges, um Medizinstudenten für diesen Bereich zu interessieren und zu gewinnen. Und wir regis­trieren großes Interesse. Auch für Frauen ist dieses Fach attraktiv, weil Teilzeit gut einzubinden ist.

Was ist das Besondere an Ihrem Fachgebiet?

Prof. Eich: Wir Radioonkologen können viel Gutes tun und auch tatsächlich die Erfolge sehen. Es ist schön, wenn man Schmerzpatienten helfen kann, wenn man miterlebt, wie man diese Schmerzen lindern kann und Menschen wieder stabiler und lebensfroher werden. Erfolge in der Behandlung sind manchmal schnell sichtbar, das gibt Zuversicht.

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