Clemens Raves spannender Beethoven-Zyklus im Franz-Hitze-Haus
Mit der „Mannheimer Rakete“

Münster -

Der treue und geübte Konzertbesucher glaubt ja doch, „seinen“ Beethoven zu kennen: der Orchesterfan alle neun Sinfonien, der Klavierconnaisseur die 32 Sonaten, mit denen Beethoven ja wohl zweifellos den definitiven Monolithen für dieses Instrument aufgetürmt hat. Um letzteren kümmert sich der münstersche Pianist Clemens Rave und arbeitet sich bis Mitte nächsten Jahres in chronologischer Reihenfolge durch sämtliche Sonaten hindurch. Am Freitag im Franz-Hitze-Haus nun sein zweites Konzert.

Sonntag, 16.06.2019, 16:18 Uhr aktualisiert: 17.06.2019, 19:02 Uhr
Clemens Rave stellt in einem Zyklus sämtliche Beethoven-Sonaten vor. Das verlangt nach penibler Vorbereitung.
Clemens Rave stellt in einem Zyklus sämtliche Beethoven-Sonaten vor. Das verlangt nach penibler Vorbereitung. Foto: Schulte im Walde

Woran mag es liegen, dass Rave mit seiner Beethoven-Lesart das Publikum so fasziniert, es geradezu elektrisiert? Vielleicht weil er eine ganz klare Sprache spricht, die ohne großes Beethoven-Pathos auskommt, die das Ruppige der Musik zulässt, es sogar noch unterstreicht. Auch in der „Pathetique“, die das Pathos ja schon in ihrem Titel führt, aber von Rave nie übertrieben wird. Und doch nimmt er Beethoven ernst in dem „Gegen den Strich bürsten“, das der Meister ganz gewiss im Sinn gehabt hat.

Auch in den drei Sonaten Opus 10, die beim Konzert am Freitag das Zentrum bildeten, outet sich Beethoven als jemand, der neue, eigene Wege geht. Das schloss nicht aus, gewisse Modeerscheinungen zu füttern wie die damals beliebte „Mannheimer Rakete“, die Clemens Rave als prägnantes, in die Höhe schießendes Motiv vorstellte. Aber was hat Beethoven daraus gemacht? Oft ein Klavierereignis stark kontrastierender Momente, ein Wechselbad der Gefühle. Vom Unerhörten, vom Überraschenden und auch Verstörenden lebt dieser Sonatenschatz Opus 10.

Clemens Rave schafft es, dieses mitunter abrupte Wechselspiel aus Ruhe und Sturm, aus ungezügelter Energie und tiefster Innigkeit sensibel nachzuzeichnen. Wie improvisiert wirken seine flirrenden Girlanden im Adagio der c-Moll-Sonate, dräuende Wolken beherrschen das Largo derjenigen in D-Dur.

Und noch ein weiteres Mal krasse Gegensätze: in der F-Dur-Sonate. Die Rahmensätze humorvoll und durchaus witzig, dazwischen ein introvertiertes Allegretto. Rave fand dafür ein hübsches Bild von einem Sandwich: vorn und hinten eine Scheibe Toast – „und dazwischen stellen Sie sich eine olivengetränkte Aubergine vor“! Da hatte er die Lacher auf seiner Seite – und am Ende dieses großartigen Abends sämtliche Sympathien der Zuhörer im sehr gut besuchten Oscar-Romero-Saal im Franz-Hitze-Haus gewonnen. Riesiger Beifall.

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Am Dienstag, 8. Oktober setzt Clemens Rave seine Beethoven-Erkundung an derselben Stelle fort.

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