Vor 100 Jahren: SPD erstmalig im Rat
Es begann mit 13,1 Prozent

Münster -

Nach ihrer Gründung dauerte es sage und schreibe 41 Jahre, bis die SPD in Münster in die Stadtverordnetenversammlung einzog. Bismarcks Sozialistengesetzen und dem starken Mitbewerber Zentrumspartei sei „Dank“. Doch 1919 war es soweit – vor 100 Jahren. Das wird am heutigen Mittwoch gefeiert.

Mittwoch, 19.06.2019, 08:00 Uhr
Dr. Michael Jung hat einiges zur Geschichte der SPD im Rat zusammengetragen. Hier zeigt zwei Wahlkampfflyer der Sozialdemokraten Christoph Strässer und Marion Tüns.
Dr. Michael Jung hat einiges zur Geschichte der SPD im Rat zusammengetragen. Hier zeigt zwei Wahlkampfflyer der Sozialdemokraten Christoph Strässer und Marion Tüns. Foto: kb

An die Namen erinnert sich kaum jemand. Sie lauten: Max Duhme, Konrad Gerland, Emmerich Düren, Franz Engberding, Engelbert Kosmeier, Georg Michaelis, Albert Peters und Heinrich Schreiber.

Diese acht Männer (die erste Frau, Käthe Göbel, folgte erst 1948) zogen vor 100 Jahren, genauer gesagt: am 2. März 1919, für die SPD in den Rat der Stadt Münster ein. Das Gremium nannte sich damals noch Stadtverordnetenversammlung. Die SPD existierte zwar bereits seit 1878 in Münster, hatte aber wegen der Sozialistengesetze im Kaiserreich sowie wegen der Dominanz der Zentrums-Partei in Münster keinen kommunalpolitischen Einfluss.

Als einzige Partei 100 Jahre im Rat 

Nach der Änderung des Wahlrechts in der Weimarer Republik fasste die SPD Fuß und holte bei der Stadtverordnetenwahl 13,1 Prozent der Stimmen (zum Vergleich: Zentrum 59,8 Prozent). Die SPD ist die einzige Partei, die seit 100 Jahren (sieht man von der NS-Zeit ab) durchgehend dem Rat angehört.

An diese acht ersten SPD-Männer im Rathaus erinnert die SPD, wenn sie am heutigen Mittwoch im Rathausfestsaal das Jubiläum feiert. Malu Dreyer, Ministerpräsidentin des Landes Rheinland-Pfalz und eine der derzeitigen Interimsvorsitzenden der Bundes-SPD, wird nach Münster kommen.

Dr. Michael Jung, Fraktionschef der SPD im Rat, hat sich mit der Geschichte der SPD in Münster vertraut gemacht und möchte darüber mit Malu Dreyer sprechen. Doch wie Jung im Gespräch mit unserer Zeitung berichtet, beginnen bei der Suche nach den historischen Unterlagen bereits die Probleme. Sie wurden nämlich während der Nazizeit vernichtet. „Die Nazis wollten die Erinnerung an die SPD löschen.“

Widerstand gegen das Nazi-Regime 

Gleichwohl ist überliefert, dass zu Beginn der Naziherrschaft in Münster bei einer Abstimmung im Rat drei Enthaltungen gezählt wurden. Die SPD hatte zu diesem Zeitpunkt (noch) drei aktive Ratsmitglieder, deren Arbeit aber spätestens mit dem Parteiverbot im Juni 1933 vorbei war.

„Danach gab es keine Organisationsstruktur mehr, nur noch einen privaten Zusammenhalt der Sozialdemokraten.“ Bei der ersten Kommunalwahl nach dem Zweiten Weltkrieg zogen zehn Sozialdemokraten in den Rat. Danach wuchs die Fraktion langsam, aber kontinuierlich, ohne jemals die Opposition verlassen zu können.

Als zentrale Wendepunkte der Nachkriegsgeschichte der SPD-Ratsfraktion benennt Michael Jung die Jahre 1975 und 1994:1975 löste sich die SPD von ihrer klassischen Geschichte als Arbeiterpartei. Plötzlich waren Lehrer, Rechtsanwälte und Akademiker in der Fraktion aktiv. Der Umstand, dass die Euphorie um Willy Brandt breite Bevölkerungskreise erfasste hatte, spiegelte sich im Personaltableau wider.

Fünf Jahre Regierungspartei 

Ganz anders lesen sich zum Beispiel die Berufsbezeichnungen der ersten SPD-Kommunalpolitiker. Sie waren Buchdrucker, Dreher, Stuckateure oder auch Orthopädiemeister. Das zweite Wendejahr ist 1994, als die SPD gemeinsam mit den Grünen eine Mehrheit errang und – angeführt von der SPD-Oberbürgermeisterin Marion Tüns – die Stadt fünf Jahre lang regierte. „Das war zweifelsfrei ein Höhepunkt für uns.“

Thematisch gibt es nach Ansicht des Fraktionschef ein Anliegen, „das die kompletten 100 Jahre durchzieht“. Das sei die Wohnungspolitik. „Die SPD war immer die Partei der Mieter.“

Dauerbrenner Wohnungspolitik 

In einer bürgerlich geprägten Stadt, in der Wohneigentum für die etablierten Bevölkerungsschichten immer zu gute Ton gehört habe, sei der Kampf um bezahlbaren Wohnraum stets ein Kampf gewesen. An dieser Stelle kommt bei Michael Jung wieder der aktuell aktive Kommunalpolitiker durch: „Daran hat sich bis heute nichts geändert.“

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