Diskussion nach Predigt-Eklat in Heilig-Geist-Kirche
„Es war richtig, dieser Predigt zu widersprechen“

Münster -

Ein Pfarrer predigt über Missbrauchsfälle in der Kirche – und fordert Vergebung für Täter: Bei einer öffentlichen Diskussion in der Heilig-Geist-Kirche rund eine Woche später ist die Gemeinde noch immer fassungslos und wütend. Und zugleich ein wenig stolz auf ihr Selbstbewusstsein.

Montag, 08.07.2019, 23:10 Uhr aktualisiert: 09.07.2019, 07:16 Uhr
Mitglieder der Kirchengemeinde berichteten, wie sie den umstrittenen Gottesdienst am 30. Juni in der Heilig-Geist-Kirche erlebt hatten. Der Schock sitzt bei vielen offenbar immer noch tief.
Mitglieder der Kirchengemeinde berichteten, wie sie den umstrittenen Gottesdienst am 30. Juni in der Heilig-Geist-Kirche erlebt hatten. Der Schock sitzt bei vielen offenbar immer noch tief. Foto: Matthias Ahlke

Der Schock über die umstrittene Predigt sitzt tief. Das wurde am Montagabend in der Heilig-Geist-Kirche deutlich: Zahlreiche Gemeindemitglieder erinnerten sich, wie sie vor rund einer Woche zunächst ungläubig, dann zunehmend fassungslos vernahmen, wie über Missbrauch in der Kirche gepredigt wurde. Man müsse auch den Tätern vergeben, soll der emeritierte Pfarrer Ulrich Zurkuhlen (79) gesagt haben – ohne ausdrücklich die Opfer zu erwähnen.

Die Predigt wurde damals unterbrochen, mehrere Gläubige verließen die Kirche, der Gottesdienst konnte nur mühsam beendet werden – und der Fall sorgte überregional für Schlagzeilen. Auch deshalb war das Medieninteresse an der Diskussion groß. Vermutlich nahmen mehr Menschen daran teil als an dem besagten Sonntagmorgengottesdienst.

Aufgewühlt, empört, zutiefst verärgert

Die Stimmung auch diesmal: aufgewühlt, empört, zutiefst verärgert. Und doch zumindest in diesem Punkt versöhnlich, dass eine solche Offenheit in der Kirche mittlerweile möglich ist. Es sei richtig gewesen, der Predigt deutlich zu widersprechen, so die einhellige Meinung. Von Opfern Vergebung für Täter zu fordern – das sei symptomatisch für die schrecklichen Missbrauchsfälle. „Es ist eine Gnade, dass wir jetzt darüber sprechen können“, meinte eine Frau. „Vor 20 Jahren hatten wir noch keine Sprache dafür.“

Gesprächsrunde in Heilig Geist

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  • Frust, Empörung und Fassungslosigkeit: Nach einer umstrittenen Predigt in Münster zu sexuellem Missbrauch und Vergebung haben sich viele Gemeinde-Mitglieder gegen den kritisierten Pfarrer gestellt.

    Foto: Caroline Seidel
  • Stefan Rau, Leitender Pfarrer der Gemeinde, sprach am Montagabend in einer Diskussionsrunde in der Heilig-Geist-Kirche mit Gemeindemitgliedern.

    Foto: Caroline Seidel
  • Der emeritierte Pfarrer Ulrich Zurkuhlen (79), der an dem Gespräch nicht teilnahm, hatte in seiner Predigt rund eine Woche zuvor um Vergebung geworben für Priester, die sexuellen Missbrauch begangen haben.

    Foto: Caroline Seidel
  • Zurkuhlens Äußerung widerspreche den Bemühungen in der Gemeinde und des Pastoralteams, betonte der zuständige leitende Pfarrer Stefan Rau. Opfern müsse Gerechtigkeit widerfahren.

    Foto: Caroline Seidel
  • „Null sensibel“, „arrogant“, so wird in der Gemeinde das Auftreten des emeritierten Pfarrers bewertet. Der Bischof von Münster, Felix Genn, hatte Zurkuhlen bereits aufgefordert, bis „auf Weiteres“ nicht mehr zu predigen.

    Foto: Caroline Seidel
  • Ein anderer Redner, der an dem Eklat-Gottesdienst Ende Juni teilgenommen hatte, kritisierte, Zurkuhlen habe Parallelen gezogen zwischen gescheiterten Ehen und der von Seelsorgern ausgeübten sexuellen Gewalt.

    Foto: Caroline Seidel

Zurkuhlen hat Einladung abgelehnt

Über Pfarrer Zurkuhlen wurde viel geredet – aber nicht mit ihm. Seine Teilnahme an der Veranstaltung sei nicht erwünscht gewesen, so hatte er sich im Vorfeld selbst geäußert. Zurkuhlen habe die Einladung ausdrücklich abgelehnt, so berichtete es Pfarrer Stefan Rau zu Beginn des Abends. Eine Frau sprach anerkennend über Zurkuhlens früheres Wirken; doch an diesem Abend wurde ihm vor allem übel genommen, dass er auf den Protest in keiner Weise einzugehen bereit gewesen sei. Er soll später sogar von „schreiendem Mob“ gesprochen haben: „Das trifft die Situation gar nicht“, hieß es.

Dieser Abend gibt mir das Gefühl, ich könnte irgendwann zurückkehren.

Missbrauchsopfer

Mehrere Teilnehmer berichteten, dass sie unter dem Eindruck der umstrittenen Predigt über ihren Rückzug aus der Kirche nachgedacht hätten. Dass ihnen aber die offene Diskussion gezeigt habe, dass die Kirchengemeinde auf dem richtigen Weg sei. Eine Frau, die sich als Missbrauchopfer zu erkennen gab, formulierte es so: „Dieser Abend gibt mir das Gefühl, ich könnte irgendwann zurückkehren.“

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