Pfarreirat St. Joseph geht auf Distanz
„Keine Gemeinschaft mit Zurkuhlen möglich“

Münster -

Die priesterliche Laufbahn von Ulrich Zurkuhlen ist beendet, Bischof Genn hat den 79-Jährigen in den Ruhestand versetzt. Der Pfarreirat St. Joseph Münster-Süd hatte schon am Dienstagabend erklärt, die Zusammenarbeit aufzukündigen.

Mittwoch, 10.07.2019, 20:55 Uhr
Pfarrer Dr. Stefan Rau (r.) erläuterte am Rande der Pressekonferenz im bischöflichen Haus, wie sich die Gemeinde St. Joseph Münster-Süd zum emeritierten Pfarrer Urlich Zurkuhlen stellt.
Pfarrer Dr. Stefan Rau (r.) erläuterte am Rande der Pressekonferenz im bischöflichen Haus, wie sich die Gemeinde St. Joseph Münster-Süd zum emeritierten Pfarrer Urlich Zurkuhlen stellt. Foto: Gunnar A. Pier

Pfarrer Ulrich Zurkuhlen wurde am Mittwochmorgen von Generalvikar Dr. Klaus Winterkamp über die Entscheidung von Bischof Felix Genn informiert, dass ihm jede seelsorgerische Tätigkeit in Zukunft untersagt sei. Gegenüber der Redaktion, die ihn kurz danach um eine Stellungnahme bat, musste Zurkuhlen bereits auf das Verbot verweisen, sich zur Sache zu äußern.

In den vergangenen Tagen hat er aus seiner Sicht der Dinge allerdings keinen Hehl gemacht: Die Unterbrechung seiner Predigt am 30. Juni in der Heilig-Geist-Kirche empfindet er offenbar als Respektlosigkeit. Die Kritik an seinen Thesen zum Thema Vergebung für Missbrauch-Täter – ein übelwollendes Missverständnis. Die Resonanz der Pfarrei und der Öffentlichkeit – ein Zeichen der Zeit. Es sei richtig und geboten, dass ein Priester über Vergebung spreche. Egal, worum es geht.

Das wollte die Pfarrei St. Joseph Münster-Süd, zu der die Heilig-Geist-Kirche gehört, nicht hinnehmen. Auf einer Sitzung am Dienstagabend – einen Tag nach der öffentlichen Gemeindeversammlung – verfasste das Gremium eine Stellungnahme. „Unserer Meinung nach kann Herr Zurkuhlen weder in unserer Pfarrei noch an anderer Stelle weiter priesterliche Dienste ausüben. Für uns kann es keine Gottesdienstgemeinschaft mit Pfarrer Zurkuhlen mehr geben“, heißt es darin. Zu diesem Zeitpunkt hatte Bischof Dr. Felix Genn nach eigenen Angaben schon den Entschluss gefasst, den Priester aus dem Dienst zu entlassen.

Bischof Genn nimmt Stellung zum Predigt-Eklat um Ulrich Zurkuhlen

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  • Mit deutlichen Worten kommentierte Münsters Bischof Dr. Felix Genn am Mittwoch (10. Juli 2019) die Vorfälle um die umstrittene Predigt des emerierten Pfarrers Ulrich Zurkuhlen.

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  • Das Interesse an dem Statement war groß: Genn war im Foyer des Generalvikariats umringt von Medienvertretern.

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  • Der Bischof wirkte sichtlich angefasst.

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  • Pfarrer Stefan Rau äußerte sich ebenfalls zu der Diskussion.

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  • Genn sagte: "Pfarrer Ulrich Zurkuhlen ist es verboten, sich weiterhin in der Sache zu äußern, sei es schriftlich oder mündlich. Ich möchte dadurch verhindern, dass er weiterhin die Betroffenen mit seinen unsäglichen Thesen belästigt. Ich habe ihm mit dem heutigen Tage jeglichen Dienst als Seelsorger untersagt, die öffentliche Zelebration und Predigt. Außerdem wurde ihm die Beichtvollmacht entzogen."

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  • "Sie sehen mich hier heute wirklich fassungslos", erklärte Genn.

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  • Pfarrer Stefan Rau äußerte sich ebenfalls zu der Diskussion.

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Tragischer Fall

Erst Anfang des Jahres hatte die Pfarrei ein Schutzkonzept zum Umgang mit sexuellem Missbrauch beschlossenen. An regelmäßigen Fortbildungen zum Thema hatte auch Pfarrer Zurkuhlen teilgenommen – zuletzt gemeinsam mit dem gesamten Seelsorgeteam an einem Tagesseminar vor einigen Wochen, wie Pfarrer Dr. Stefan Rau am Rande der Pressekonferenz im bischöflichen Haus erwähnte. „Seine Aussagen stehen nicht nur im absoluten Widerspruch zu den Leitlinien des Institutionellen Schutzkonzepts der Pfarrei. Vor allem aber hat er mit seinen Worten die Opfer wiederholt schwer verletzt und ihre Rechte missachtet“, heißt es nun in der Stellungnahme des Pfarreirats.

Pfarrer Rau berichtete von einem hohen Erwartungsdruck in der Pfarrei – besonders nach der Gemeindeversammlung am vergangenen Montag sei mehrfach die Erwartung geäußert worden, das Bistum müsse sich von Pfarrer Zurkuhlen trennen. „Viele haben uns gefragt: Passiert denn jetzt etwas? Jetzt kann ich sagen: Ja, es passiert etwas.“

Der Fall sei „tragisch für diesen Menschen“, unterstrich Rau; es habe mehrere vergebliche Gespräche gegeben habe. Nie zuvor habe sich Zurkuhlen in einer Predigt ähnlich geäußert, er war als Prediger respektiert. In Kürze hätte in der Gemeinde sein 80. Geburtstag gefeiert werden sollen. Das wurde abgesagt.  

Kommentar

Seelsorger ohne Einsicht

Es blieb keine andere Wahl

Dem Bischof blieb zum Schluss keine andere Wahl: Er musste Schaden von seinem Bistum abwenden. Eine Kirche, die in den vergangenen Jahren von Missbrauchskandalen in ihren Grundfesten erschüttert wurde, kann sich nicht den kleinsten Anschein von Toleranz gegenüber Priestern leisten, denen die Bedeutung dieses Themas offenbar nicht klar ist.

Viel zu lange ist in der Vergangenheit über Missbrauch in der Kirche geschwiegen worden. Ein Pfarrer, der nun Vergebung predigt, ohne dabei die Perspektive der Opfer einzunehmen, ohne nachdrücklich von Schuldbekenntnis, aufrichtiger Reue und der Bitte um Gnade zu sprechen, hat nicht nur das Thema verfehlt – er gießt auch Öl ins Feuer, indem er all jenen Kritikern recht zu geben scheint, die die Kirche für reformunfähig halten.

Pfarrer Zurkuhlen hat mit seiner völlig unbeeindruckten Haltung seiner priesterlichen Laufbahn selbst ein unrühmliches Ende bereitet. Das ist bitter; denn seine Verdienste als fundierter Theologe sind nicht gering. ­Bischof Genn hat mit seinem Durchgreifen auch gezeigt, dass es im Umgang mit dem Thema Missbrauch weder Amts- noch Altersbonus geben kann.

von Lukas Speckmann

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