Theatergruppe „explosiv“
Im Wartezimmer der Hoffnungen

Münster -

Romantische Urlaubsstimmung ruft das Meeresrauschen, das im Foyer des Stadthauses 1 in der Klemensstraße erklingt, nicht hervor. Denn schon der Anblick fünf regungslos auf dem gefliesten Boden liegender Körper beschwört ganz andere Bilder herauf. Etwa das des ertrunkenen, syrischen Jungen Alan Kurdi, stellvertretend für die alltägliche Tragödie der Flucht über das Mittelmeer.

Sonntag, 14.07.2019, 16:52 Uhr aktualisiert: 21.07.2019, 16:18 Uhr
Ein beklemmendes Bild formen die fünf Darsteller zum Klang des Meeresrauschens.
Ein beklemmendes Bild formen die fünf Darsteller zum Klang des Meeresrauschens. Foto: Wolfgang A. Müller

Die fünf jungen Leute, die aus dem Projekt „Angekommen in deiner Stadt Münster“ heraus nun unter der Regie von Jasmin Prüßmeier als Ensemble „explosiv“ Theater spielen, haben allesamt eine mitunter lebensgefährliche Reise hinter sich. Aus Eritrea, Guinea, Angola, der Türkei stammend, erzählen sie in den Sprachen ihrer Heimatländer (und auch auf Englisch), was sie hinter sich ließen: Gewalt, Unterdrückung, Elend und Hoffnungslosigkeit. Während das ausdrucksvolle Spiel reale Erlebnisse unmittelbar weitergibt, zeigt die multilinguale Herausforderung dem Publikum indes die Wirkung von Sprachbarrieren.

Eindeutig sind die Kommandos an alle Anwesenden, den „nicht sicheren“ Ort, also das Foyer als imaginären Küstenabschnitt, eiligst zu verlassen. Flotten Schrittes geht es mit den Darstellern rund ums Gebäude, das über einen Seitengang wieder betreten wird. In der Enge des Treppenhauses bildet sich schnell eine Schlange. Deren Auflösung braucht eine Weile; auch, weil ein Ensemble-Mitglied sich mit einem Notizblock auf dem Absatz postiert und den Durchmarsch der Zuschauer, die nun selbst Ahnungslose auf einem fremden Parcours geworden sind, unterbricht. Stichprobenartig erfragt er Namen, Alter, Größe, Gewicht. Willkommen in der Wartezone, dem titelgebenden „WaitingRoom“.

In den Vorzimmern einer möglicherweise besseren Zukunft lauern zermürbende Ungewissheiten: Ein selbstverliebter Beamter lässt sich erst durch einen Griff in das Portemonnaie des Antragstellers zur Bearbeitung seines Falls bewegen. Auf dem Korridor dräuen Öde und angespanntes Warten, bis ein Rhythmus seine Runde macht und alle „Waka Waka!“ singen und tanzen. Der bürokratische Dschungel ist überwunden.

Im Foyer schließt sich der Lauf. Doch die Ängste der fünf haben sich von existenziell bedrohlichen in für Mitteleuropäer alltägliche gewandelt: Schule, Ausbildung, Beziehungen. Großer Jubel um die neu Angekommenen.

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