Der neue Exzellenzcluster der Universität
„Mathematik ist einfach und schön“

Münster -

Die Universität Münster erwartet am Freitag (19. Juli) mit Spannung die Entscheidung über die Auswahl der Exzellenzhochschulen. Die Professoren Mario Ohlberger und Christopher Deninger können sich derweil schon auf den schicken Sofas im neuen „Common Room“ des Exzellenzclusters „Dynamik – Geometrie – Struktur“ am Fachbereich Mathematik zurücklehnen.

Donnerstag, 18.07.2019, 10:00 Uhr aktualisiert: 18.07.2019, 12:22 Uhr
Prof. Mario Ohlberger (l.) und Prof. Christopher Deninger sind die beiden Sprecher des neuen Exzellenzclusters „Mathematik Münster“
Prof. Mario Ohlberger (l.) und Prof. Christopher Deninger sind die beiden Sprecher des neuen Exzellenzclusters „Mathematik Münster“. Foto: Peter Leßmann/WWU

Ihr Förder-Antrag im Exzellenzwettbewerb wurde im vergangenen Herbst genehmigt. Jetzt ist der Cluster, ausgestattet mit den ersten Tranchen der Förderung über sieben Jahre ,offiziell gestartet. Im Gespräch mit unserer Redakteurin Karin Völker sprechen die beiden über ihre Arbeit im Cluster und ihre Liebe zur Mathematik.

Höhere Mathematik ist vielen Menschen ein Buch mit sieben Siegeln – was sagen Sie, wenn Sie gebeten werden, einmal kurz zu erklären, was Sie am Exzellenzcluster machen?

Ohlberger: Mathematische Methoden und Anwendungen bestimmen in hohem Maße unseren Alltag – technische Weiterentwicklungen in allen Feldern sind ohne Mathematik nicht denkbar. Grob gesagt entwickeln wir als Grundlage Strukturen, die sich möglichst universell anwenden lassen.

Ein anschauliches Beispiel?

Ohlberger: Wir beschäftigen uns ja mit Geometrie, und Geometrie beschreibt Räume. Mit ihren Methoden können wir zum Beispiel immer die kürzeste Entfernung zwischen Punkten in einem noch so komplexen Gebilde erfassen. Mit den Methoden der Geometrie können wir zum Beispiel auch die Beziehung großer Datenmengen erfassen. Das kann beispielsweise Grundlage bei der Verbesserung digitaler Bildgebung sein.

Deninger: Im Cluster arbeiten Wissenschaftler aus der theoretischen und angewandten Mathematik zusammen. Die Theoretiker erarbeiten die Grundlagen, die angewandte Mathematik entwickelt auf dieser Basis Methoden für vielfältige Einsatzmöglichkeiten.

Gibt es die Zusammenarbeit mit anderen Fächern und Forschungsgebieten der Universität?

Ohlberger: Natürlich! Wir sind etwa stark eingebunden in die Arbeit des jetzt auslaufenden Exzellenzclusters „Cells in Motion“, bei dem es unter anderem um die Entwicklung bildgebender Methoden in der Medizin geht. Wir haben aber auch im Bereich der Batterieforschung gearbeitet. Da geht es etwa darum, Modelle für die digitale Simulation in Experimenten zu entwickeln. Dadurch lassen sich Untersuchungen von Ingenieuren deutlich verkürzen.

Deninger: Die Theorie bildet das Fundament. Unser Ziel ist es, universelle Konzepte als Handwerkszeug für viele Disziplinen zu entwickeln.

Wie hat man sich Ihre Arbeit vorzustellen?

Deninger: Wir grübeln. Wir brauchen nichts außer Papier, Bleistift und – ganz wichtig – einen Papierkorb. Denn die richtige Lösung findet sich meistens nicht auf Anhieb.

Ohlberger: Wir brauchen keine Technik. Teuer wird es erst, wenn wir Methoden zur Analyse entwickelt haben und Computer dann große Datenmengen beim Rechnen verarbeiten müssen.

Arbeiten Mathematiker immer allein?

Deninger: Gar nicht. im Cluster ist alles auf die Begegnung der Forscherinnen und Forscher angelegt – beispielsweise hier in unserem „Common Room“, einer Art Lounge. Zusammen findet man eher Lösungen.

Wie viele Mathematiker arbeiten denn im Cluster?

Ohlberger: Der Cluster wurde von 50 Projektleiterinnen und -leitern entwickelt. Dazu sind jetzt 50 weitere Nachwuchswissenschaftler und Doktoranden gekommen. In den nächsten drei Jahren besetzen wir noch weitere 50 Stellen, auch Professuren.

Interessieren sich genügend exzellente Bewerber für die Arbeit?

Deninger: Wir sind in Deutschland einer der größten Fachbereiche und decken entsprechend viele Arbeitsfelder ab. Und wir haben auf unsere ersten Ausschreibungen so viele tolle Bewerbungen wie nie erhalten, darunter auch viele aus dem Ausland, von Wissenschaftlern, die auch Angebote von Top-Unis wie Harvard haben. Ausschlaggebend ist für unsere Auswahl weniger das Spezialgebiet, mit dem sich Einzelne beschäftigen, sondern wie gut sie darin sind.

Welche Rolle spielen bei Ihnen die Wissenschaftlerinnen? Ist Mathematik immer noch im wesentlichen ein Männerfach?

Ohlberger: Im Lehramtsbereich studieren am Fachbereich sogar mehr Frauen als Männer. Aber abseits des Lehramtsstudiums sind es vielleicht noch 30 Prozent. Und wenn es an die wissenschaftliche Karriere geht, sinkt der Frauenanteil weiter, das beginnt schon bei der Promotion. Familienfreundliche Arbeitsbedingungen sind uns sehr wichtig. Wir haben hier einen Kinder-Betreuungsservice für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, den sie auch in Anspruch nehmen können, wenn das Kind zum Beispiel mal nicht in die Kita gehen kann. Wir fördern auch gezielt die Bewerbungen von Frauen.

Was kommt bei den Studierenden von der Arbeit des Exzellenzclusters an?

Deninger: Ich sage in den ersten Lehrveranstaltungen unseren Mathematikstudierenden: Jetzt kommt etwas ganz anderes, als ihr aus dem Schulunterricht kennt. In der Mathematik geht es darum, den Kern eines Problems möglichst klar zu erfassen und Methoden zu seiner Lösung zu finden. Wenn wir eine Methode gefunden haben, nehmen wir uns das nächste Problem vor.

Weil eine Lösung 100 neue Fragen aufwirft?

Ohlberger: So ist es.

In der Schule gab es jetzt Zeugnisse – viele mit schlechten Mathenoten. Warum ist Mathematik bei vielen Jugendlichen so unbeliebt?

Deninger: Mathematik ist einfach und schön, aber irgendwie kommt das in der Schule nicht immer so rüber.

Ohlberger: In der Schule wird unterrichtet, wie Methoden angewandt werden. Die Lust am kreativen Denken, das die Mathematik ausmacht, verschwindet dabei. Dafür sind die Lehrpläne verantwortlich, nach denen die Lehrer arbeiten müssen. Weil viele Schüler den Mathematikunterricht so schematisch erleben, kommt es ja hier zu der erstaunlichen Situation, dass man sich guten Gewissens damit brüsten kann, ein schlechter Matheschüler gewesen zu sein.

Kann ein schlechter Mathe-Schüler ein guter Mathematiker werden?

Deninger: Das ist durchaus möglich – aber auch umgekehrt. Manche, die in der Schule sehr gut waren, kommen mit unserer Herangehensweise nicht zurecht.

Wie wecken Sie Begeisterung für Mathematik?

Ohlberger: Mathematisches Denken ist elegant, wer dafür empfänglich ist, der kann sich davon verzaubern lassen. Begeisterung entsteht aber auch, wenn man realisiert, dass unser ganzes Leben voll angewandter Mathematik steckt. Wie wichtig die Rolle der Mathematik in der Gesellschaft ist, das ist kaum jemandem klar. Sie ist Grundlage jeder modernen Technik, aber auch von komplexen Organisationsprozessen.

Deninger: Und es gibt unfassbar viele neue Aufgaben. Die Inseln des Wissens sind sehr klein.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6786609?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker