Spielzeugmuseum am Verspoel
Neues Leben für alte Spielsachen

Münster -

Die beiden Räume im Obergeschoss des Gebäudes am Verspoel in Münsters Innenstadt sind für Molla Demirel die Erfüllung eine jahrzehntelangen Kindertraums. Lange Zeit sammelte er historische Spielzeuge aus aller Welt – und hat sie nun zu einer kleinen Sammlung vereint, die viele persönliche Geschichten erzählt.

Sonntag, 04.08.2019, 14:05 Uhr aktualisiert: 04.08.2019, 15:00 Uhr
Leonie Fili (l.) und Türkan Heinrich  empfangen Kindergruppen zu Workshops im Museum. Hier zeigen sie die Puppe Ursula (Jahrgang 1910) und Teddy Bruno (Jahrgang 1918).
Leonie Fili (l.) und Türkan Heinrich  empfangen Kindergruppen zu Workshops im Museum. Hier zeigen sie die Puppe Ursula (Jahrgang 1910) und Teddy Bruno (Jahrgang 1918). Foto: Karin Völker

Die geliebte Inge sitzt selbst nicht in den Vitrinen – noch nicht. Dafür ist da die Kinder-Nähmaschine, mit der Inges Puppenmutti, so sagte man damals, winzig kleine Kleidchen nähte, auch der selbstgetischlerter und kunstvoll bemalter Puppenkleiderschrank für Inges Garderobe, ihr winziger Schulranzen und ihr Zeugnis, aufgestellt auf den Namen Inge Bode aus dem Jahr 1949, das Formular ausgefüllt in Kinderschrift.

Beate Vilhjalmsson hat damals den Bleistift als kleines Mädchen geführt, Münsters Bürgermeisterin war Ende der 40er-Jahre im Hauptberuf Inge Puppenmutti. Inge selbst behält Beate Viljhalmsson, Jahrgang 1941, noch bei sich zu Hause, aber das meiste, was sie von ihrem Spielzeug noch hatte, hat sie dem kleinen Spielzeugmuseum am Verspoel 7-8 gestiftet. Hier erfahren Kinder der Gegenwart, wie kleine Mädchen und Jungen früher spielten.

Traum von eigenem Museum

Molla Demirel, Künstler und Schriftsteller aus der Türkei und seit den 70er-Jahren zu Hause in Münster, hat lange von einem Museum wie diesem geträumt. Seit ein eineinhalb Jahren hat er mit seiner Kulturstiftung in Kooperation mit dem Verein Kaktus zwei Räume im Obergeschoss des Gebäudes am Verspoel 7-8 für das Museum eingerichtet. Viele ältere Münsteraner – darunter auch Beate Viljhalmsson, spendeten altes Spielzeug – und erzählten die dazu überlieferten Geschichten.

Spielzeugmuseum am Verspoel

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  • Molla Demirel mit einem früher gemeinsam mit seinem Onkel im Orient gebastelten Holzwagen.

    Foto: Karin Völker
  • Die Puppe aus dem Jahr 1882 hat eine Mechanik. Sie kann aufgezogen werden und bewegt sich.

    Foto: Karin Völker
  • Leonie Fili (Mitarbeiterin des Museums) und Türkan Heinrich, Koordinatorin von Kaktus e.V. mit dem Bären Bruno (von 1918) und der Puppe Inge. Die Spielzeuge stammen von einem münsterischen Ehepaar.

    Foto: Karin Völker
  • Die Puppe Ursula ist aus Porzellan und stammt aus dem jahr 1910. Ähnlich alt ist der Kinderwagen.

    Foto: Karin Völker
  • Bürgermeisterin Beate Vilhjalmsson, Schirmherrin des Spielzeugmuseums, mit ihren eigenen alten Spielzeugen.

    Foto: Karin Völker
  • Foto: Karin Völker

Die Puppe Inge beispielsweise flüchtete mit der kleinen Beate und deren Mutter 1945 aus dem heute polnischen Stettin zuerst zu Verwandten nach Thüringen, später weiter nach Schleswig Holstein, wo sie ein Quartier fanden. „Spielzeuge hatten wir damals kaum“, erinnert sich Beate Viljhalmsson. „Entsprechend kostbar waren sie.“

Spielzeuge aus vielen verschiedenen Kulturen

Molla Demirel nickt und streichelt einen kleinen Holzwagen. „Mein Onkel hat den mit mir zusammen in den 50er-Jahren geschnitzt“, erinnert sich der heute 70-Jährige. Der Wagen ist sein einzig erhaltenes Spielzeug. Aus der Türkei aber zum Beispiel ein handgemachter „Nesredin Hodscha“ – der Till Eulenspiegel des Orients. Demirel hat viele Spielzeuge aus verschiedenen Kulturen und Epochen versammelt. Sie erzählen die Geschichte des Spielens und des Kindseins rund um die Welt.

Exponate gesucht

Das internationale Kinderspielzeugmuseum (IKM) der Molla Demirel Kulturstiftung in Kooperation it dem Verein Kaktus empfängt montags bis freitags von 9 bis 16 Uhr Besucher in den Räumen am Verspoel 7 bis 8. Schulklassen und Kitas können sich für Workshops mit den Spielzeugen aus aller Welt anmelden. Das Museum sammelt auch weitere Ausstellungsgegenstände. Wer noch geliebtes, gut erhaltenes, altes Spielzeug im Keller lagert, dem Museum spenden und es so für die Nachwelt erhalten möchte, ist eingeladen, Kontakt aufzunehmen. Molla Demirel hat für sein Museum so nicht nur hoch interessante Exponate, sondern auch die Geschichten ihrer Besitzer gesammelt.

...

Leonie Fili und Türkân Heinrich sind dabei so etwas wie Übersetzerinnen. Sie empfangen im Museum Kindergruppen aus Schulen und Kitas. „Was heute neu ist, ist morgen alt“, bringt es Türkan Heinrich auch für sehr kleinen Kinder auf den Punkt. Die beiden Pädagoginnen erleben immer, wie achtsam, vorsichtig auch vermeintliche kleine Rabauken mit dem historischen Spielzeug umgehen.

Dass es schon 1882 mechanische Puppen, also Roboter gab, die sich bewegten, das erstaunt auch manch älteren Besucher. Kleine Kinder spielen dann mit Dingen, die Ur- oder gar Ur-Ur-Großeltern liebten – das schafft eine ganz besondere Atmosphäre, sagt Türkân Heinrich. Auf dem Schoß hält sie die Puppe Ursula. Mit ihrem Kopf aus Porzellan hat sie zwei Weltkriege überstanden. Ihr bester Kumpel im Museum ist Bruno, Teddy, Jahrgang 1918. Sein Fell ist schon ziemlich abgewetzt – aber Türkân lacht: „Er ist richtig gut drauf.“

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