Integrationsdebatte
Vorlesen in der Muttersprache hilft

Münster -

Der Vorschlag schlägt hohe Wellen: Kinder, die nicht ausreichend oder gar kein Deutsch sprechen, dürften erst später eingeschult werden, sagt Unionsfraktionsvize Carsten Linnemann. Deutschlehrerin Krystyna Strozyk hat das Sprachförderprojekt „Mulingula“ initiiert und reagiert mit Unverständnis auf den Vorstoß.

Mittwoch, 07.08.2019, 20:19 Uhr aktualisiert: 07.08.2019, 21:31 Uhr
Fatma Murad, Vorleserin im Mulingula-Projekt, liest Grundschulkindern Kinderliteratur auf Arabisch vor.
Fatma Murad, Vorleserin im Mulingula-Projekt, liest Grundschulkindern Kinderliteratur auf Arabisch vor. Foto: Krystyna Strozyk

Die Debatte über eine Vorschulpflicht oder gar ein Schulverbot für nicht Deutsch sprechende Kinder, die vom CDU-Politiker Carsten Linnemann aktuell in Gang gesetzt wurde, schlägt in den Medien hohe Wellen.

Krystyna Strozyk, Deutschlehrerin an der Norbert-Grundschule in Coerde und Ausbilderin für Lehramtsreferendare, reagiert auf den Vorschlag mit Unverständnis. De facto gebe es momentan keine Kinder ohne Deutschkenntnisse im schulfähigen Alter, sagt Strozyk. Sie hat vor zehn Jahren das mehrfach ausgezeichnete Sprachförderprojekt „Mulingula“ initiiert.

Erfolgsrezept

„Alle Kinder, die hier leben, lernen sehr schnell die deutsche Alltagssprache“, sagt Krystyna Strozyk. Probleme träten beim Lesen- und Schreibenlernen, also beim Umgang mit schriftlichen Texten, auf. Grundschulkinder – und damit meint Strozyk nicht nur diejenigen aus Zuwandererfamilien – bräuchten Förderung im Umgang mit Literatur, mit Bildungssprache.

Das Rezept, das inzwischen an neun Grundschulen mit Erfolg praktiziert ist, lautet zuerst: Vorlesen – und zwar in der jeweiligen Muttersprache der Kinder. „So finden die Kinder intuitiv einen intensiveren Zugang zur Sprache“, sagt die Lehrerin. Mehrere Vorleserinnen, allesamt Muttersprachlerinnen, arbeiten in den Schulen mit den Kindern jeweils eine Stunde wöchentlich, vorgelesen wird in acht Sprachen.

Nicht entwicklungsgerecht

Sponsoren sichern, dass in den Grundschulen Kinderbücher in verschiedenen Sprachen entliehen werden können. „So zeigen wir den Kindern und ihren Familien, dass wir ihre Sprache wertschätzen“, erläutert Strozyk. Würden Kinder mit geringen Deutschkenntnissen gesondert unterrichtet oder gar vom normalen Schulbesuch ferngehalten, würden sie in der weiteren Schullaufbahn nicht entwicklungsgerecht unterrichtet.

Strozyk erprobt immer wieder selbst, wie gewinnbringend es für alle Kinder ist, dieselben Bücher in verschiedenen Sprachen vorzulesen. Da stellen auch die deutschen Kinder erstaunt fest, das der Hund in russischen Geschichten „gaff gaff“ bellt und nicht „wau wau“ – oder lernen früh ganz bewusst, dass es im Deutschen drei Artikel gibt, im Arabischen nur einen.

Der Umgang mit Büchern ist für die Deutschlehrerin der Schlüssel zu hoher Sprachkompetenz. Noch ein Beispiel: „In der Umgangssprache benutzt man meistens das Perfekt – erst aus Büchern lernen Kinder die komplizierte Vergangenheitsform.“ Für alle Erwachsenen, die Kindern mit ausländischen Wurzeln Bücher näherbringen wollen: Auf der Internetseite www.mulingula-praxis.de findet sich Kinderliteratur in mehreren Sprachen – zum Vorlesen.

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