Sommer-Kabarett im Schlossgarten eröffnet
Rückwärts kann auch vorwärts sein

Münster -

Nur einer durfte dem König die Wahrheit sagen: der Hofnarr. In Zeiten absolutistischer Herrschaft ein gefährliches, aber einträgliches Geschäft – für den, der geschickt zu lügen verstand. Inzwischen scheinen Lügen konkurrenzlos, die Mächtigsten (fast) unbesiegbar und Revolutionen abgeschafft – schwierige Zeiten fürs Kabarett. Carsten Höfer und das Duo Irmhild Willenbrink/Marcus Fischer eröffneten die Reihe „Kabarett im Schlossgarten“.

Donnerstag, 08.08.2019, 17:50 Uhr aktualisiert: 11.08.2019, 17:58 Uhr
Carsten Höfer mischte sich als „Ehe-Män“ unter das Publikum und befragte erfahrene Fahrensleute auf dem Meer der Beziehungen über den Hafen der Ehe.
Carsten Höfer mischte sich als „Ehe-Män“ unter das Publikum und befragte erfahrene Fahrensleute auf dem Meer der Beziehungen über den Hafen der Ehe. Foto: Günter Moseler

Nur einer durfte dem König die Wahrheit sagen: der Hofnarr. In Zeiten absolutistischer Herrschaft ein gefährliches, aber einträgliches Geschäft – für den, der geschickt zu lügen verstand. Inzwischen scheinen Lügen konkurrenzlos, die Mächtigsten (fast) unbesiegbar und Revolutionen abgeschafft – schwierige Zeiten fürs Kabarett. Als Carsten Höfer und das Duo Irmhild Willenbrink/Marcus Fischer die Reihe „Kabarett im Schlossgarten“ eröffneten, war es, als sei folgerichtig das Politische ins Private abgewandert: die Ehe, der „Fun“-Faktor, Ödipus, Body Lotion und „OP-Flatrate“. Nicht ein Manko der Macht stand zur Disposition, sondern Mani-, Pediküren und Allüren des Egos.

Höfer sondierte die Feuchtgebiete der Ehe bis in die Diaspora männlicher Körperpflege hinein („Haben Sie mal einen Mann sich nach dem Duschen eincremen sehen?“), monierte auch mal schräge Gesetzes-Sätze („. . . sich intern scheiden lassen“) und rätselte über hohe Scheidungsraten („80 Prozent!“), bevor Wohl und Wehe verbindlicher Verbindungen ins Visier gerieten: „Der Ehering ist ein Signal: Besetzt!“. Schallendes Gelächter auf allen Rängen, man fühlte einen Nerv getroffen, weniger die Herzmitte (Gott sei Dank!). Aber: „Vom fünften Ehejahr an geht es richtig los!“ Diese Paare hätten ausgefallenen Sex: „Montag ausgefallen, Dienstag ausgefallen . . .“ Im Publikum ein Ehepaar, das schon Goldene Hochzeit gefeiert hatte: „Wie ist es so, fünfzig Jahre verheiratet?“ Der Gatte: „Tja . . .“ Später wagte sich Höfer an Creme-Zeremonien („Altersvorsorge, die auf Hoffnung beruht“) der Damen – (zu furchtlos): „Wichtiger Hinweis für die Männer: Die Augencreme funktioniert nur am Tränensack!“

In Willenbrink-Fischers Country-Musik-Parodie als Dan und Don hätte man schon „America-first!“-Kritik heraus blinzeln hören können. Gestelzte Lässigkeit („Yeah!“), sinnfreie Sentenzen („Du wirst eine Glückssträhne haben, und wenn nicht, dann kommt sie später“), später ein hinreißendes Tänzchen als durchgeknallte Dr. Dings und Dr. Bums, die als inkompetente Ärzte-Combo einen Impro-Song („Sie haben es getan, voller Leidenschaft . . .“) zu Ehren des Goldenen-Hochzeitpaares intonierten, der beim Zuschauer hochtourige Begeisterung entfesselte. Und mit der Pointe „Auch wenn Du rückwärts auf einem Pony sitzt, kommst du vorwärts!“ wäre die amerikanische Legende „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ präzise persifliert gewesen. Blieben noch Gustl, der sich in Phantasialand rasend deplatziert vorkam, und Mama, die „Ödipus“ und „Oktopus“ familienpsychotisch verwertete: „Du willst mich ja noch heiraten!“

Nun stand der Mond hell am Himmel: Auch kleine Leben eignen sich für zahme Dramen.

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