Gloster-Festival: „Alles im L(a)ot(se), Herr Brecht?“
Mit List die Weisheit verbreiten

Münster -

„Stellen Sie sich einen 75-jährigen freien Historiker vor“, sagt Carsten Bender und zeigt auf sich. Das ist nicht leicht, fehlen ihm zu diesem Alter doch noch Jahrzehnte. Aber der Geschichtswissenschaftler Thomas Kleinknecht, der den Vortrag „Alles im L(a)ot(se), Herr Brecht“ hätte halten sollen, war erkrankt. Zudem fand die Veranstaltung des Gloster-Mikrokulturfestivals wegen Regens nicht wie geplant am Rieselwärterhäuschen statt, sondern im Rieselfeldhof. Widrige Umstände. Aber zum Thema passte es.

Freitag, 16.08.2019, 18:54 Uhr
Carsten Bender musste den Brecht-Abend im Rieselfeldhof alleine bestreiten.
Carsten Bender musste den Brecht-Abend im Rieselfeldhof alleine bestreiten. Foto: Helmut Jasny

Der wortspielerische Titel des Vortrags verweist auf den Einfluss der chinesischen Philosophie auf das Denken Brechts, dem Kleinknecht eine „politisch absichtsvolle Lebenspraxis“ attestiert. Insbesondere Laotse und Konfuzius werden behandelt. Letzterer hatte Pate gestanden für Brechts Aufsatz über die „Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit“. Um den Mut, die Wahrheit zu schreiben, geht es darin, um die Klugheit, sie zu erkennen, um die Kunst, sie als Waffe zu gebrauchen, und nicht zuletzt um die List, sie unter den Menschen zu verbreiten.

Eine solche List hatte Konfuzius auch angewendet, als er einen alten patriotischen Kalender richtigstellte, indem er ihn fälschte. „Ermordet“ schrieb er, wo „getötet“ stand, „hingerichtet“, wo es „umgekommen“ hieß. Bei ihm hatte es geholfen. Seine Zeitgenossen begannen, die Geschichte in einem neuen Licht zu sehen. Einen ähnlichen Erfolg mag sich Brecht auch mit seiner Schrift erhofft haben, die zur Verbreitung in Nazi-Deutschland gedacht war.

„Legende von der Entstehung des Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration“ heißt ein berühmtes, 1938 im dänischen Exil entstandenes Gedicht von Brecht. Es handelt von dem chinesischen Philosophen Laotse. Bender rezitiert den Text behutsam, lässt die Worte und mit ihnen die darin enthaltene Weisheit zur Geltung kommen. Beispielsweise, dass das Weiche auf Dauer das Harte bricht. Ebenfalls ein chinesisches Postulat ist es, dass der Staat klare und korrekte Begriffe formuliere. Diese Erkenntnis hatte nicht nur Brecht übernommen, sondern auch der österreichische Schriftsteller Karl Kraus, als er schrieb: „Stimmen die Worte nicht, stimmen auch die Taten nicht.“

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