Annemieke Hendriks beleuchtete die kommerzielle Tomatenproduktion
Allerlei Mythen in den Einkaufstüten

Münster -

„Die Deutschen sind so romantisch“, flachst Annemieke Hendriks. „Sie lieben Märchen. Besonders, was Nahrung betrifft.“ In Wilm Weppelmanns Gartenakademie räumte die niederländische Journalistin und Autorin des Buches „Tomaten: Die wahre Identität unseres Frischgemüses“ mit einigen hartnäckigen Mythen um eine schier omnipräsente Frucht auf.

Sonntag, 18.08.2019, 16:48 Uhr aktualisiert: 20.08.2019, 11:08 Uhr
Annemieke Hendriks in der Gartenakademie
Annemieke Hendriks in der Gartenakademie Foto: Foto: Müller

Über sieben Jahre nahm Hendriks die vielfältigen Aspekte der kommerziellen Tomatenproduktion unter die Lupe und war auf zahlreiche Widersprüche gestoßen. So gilt ihr Heimatland zusammen mit Mexiko als Exportweltmeister, produziert aber selbst nur fünf Prozent der europäischen Tomaten. Der Durchfuhrhandel macht’s möglich. Auch die Suche nach spezifisch deutschen Tomaten führt unweigerlich in die „Gläserne Stadt“ aus Gewächshäusern in Südholland, die nicht mehr nur „Wasserbomben“, sondern auch die exotischsten Sorten am Markt erzeugt. Von einem norddeutschen Unternehmer erfuhr Hendriks, dass seine gesamte Ausstattung vom Saatgut bis zur Technik aus den Niederlanden stamme. Allein den Boden (bzw. die Steinwolle als Substrat) könne man deutsch nennen. Und die Schädlinge.

Verkaufspsychologie regiert: Im Handel findet man „deutsche Tomaten“, angebaut in Marokko, abgepackt in Köln. Grenzenlos irrsinnig werden solche Etikettierungen bei Fertigprodukten: italienisches Tomatenmark mit mexikanischem Namen, Herkunftsland Deutschland. Lapidar erwähnt Hendriks, dass zur Herstellung mitunter drei Viertel des Rohmaterials aus China importiert werden. „Rispentomaten“ verführen Konsumenten mit duftendem Grün. Geschmack? Allein die Sorte ist entscheidend. Sind Tomaten die oft beschworenen Gesundmacher? „Ich sage immer, sie zu essen schadet nicht“, flötet Hendriks.

Auch das Nachhaltigkeitsversprechen der Regionalität ist im derzeitigen System eine Luftnummer. Freilandtomaten fehlt ausreichende Haltbarkeit. Die beheizten Gewächshäuser in den Niederlanden sind geradezu eine „Nachhaltigkeitskata­strophe“. Erstaunlicherweise verfügen Tomaten aus Spanien trotz der Transportwege über eine bessere CO2-Bilanz. Wären da nicht Wasserprobleme. Und skandalöse Arbeitsbedingungen, die manchen Produzenten und verantwortlichen Politikern Tomatenröte ins Gesicht treiben müssten.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6857616?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker