Gemeinsam mehr erreichen
Eltern von Kindern mit Behinderung schließen sich zusammen

Münster -

Zusammen ist man weniger allein: In Münster schließen sich Eltern von Kindern mit Behinderung zusammen – denn die Kooperation verspricht Erleichterung im Alltag.

Montag, 02.09.2019, 18:00 Uhr aktualisiert: 02.09.2019, 19:43 Uhr
Fürs Sommerfest bauen die Eltern auch schon mal eine Hüpfburg in den Garten: Thomas Kiel (rosa Hemd in der Bildmitte) hat sich mit anderen Familien zusammengeschlossen, um die Interessen von Eltern mit Kindern mit Förderbedarf besser vertreten zu können.
Fürs Sommerfest bauen die Eltern auch schon mal eine Hüpfburg in den Garten: Thomas Kiel (rosa Hemd in der Bildmitte) hat sich mit anderen Familien zusammengeschlossen, um die Interessen von Eltern mit Kindern mit Förderbedarf besser vertreten zu können. Foto: Stefan Werding

Thomas Kiel reicht‘s. Und mit ihm lauter Eltern von Kindern mit einer Behinderung. Sie haben sich zusammengeschlossen, um ihre Interessen in Zukunft besser wahren zu können.

Der Sohn der Kiels, Hannes, war zunächst ein Kind wie jedes andere auch. Als die Ärzte dann einen Gendefekt feststellten, machten die Kiels eine Erfahrung, die viele Eltern mit besonderen Kindern kennen. Sie waren komplett überfordert: „Wir wurden überrannt“, sagt der Steuerberater.

Viele Mitstreiter gefunden

Im Heinrich-Piepmeyer-Haus, einer Kita, die schon seit 1991 Kinder mit und ohne Behinderung betreut, haben sie viele Mitstreiter gefunden, die einen ähnlichen Eindruck haben wie sie: „Wir haben gemerkt, dass es andere Eltern gibt, denen geht es genauso wie uns.“

So ist für viele die Entscheidungen über Anträge zu besonderen Therapien oder Hilfsmitteln nicht nachvollziehbar. „Warum wird bei denen die Hippotherapie bezahlt und bei uns nicht?“, ist so eine Frage. Oder: „Wo bekomme ich welche Hilfe?“ Trotz Beratungsangeboten der Stadt oder Infos durch das Heinrich-Piepmeyer-Haus hatten die Eltern das Gefühl: „Jeder muss das Rad immer neu erfinden.“

Von den anderen lernen

Ein Beispiel: Familie Kiel braucht für ihr Kind ein Pflegebett. Das kauft man nicht wie ein normales Bett, indem man in ein Möbelhaus fährt und dort probeliegt. Die bekommt man nur aus dem Katalog. Mit der neuen Initiative kann Thomas Kiel in die Telefongruppe der Eltern schreiben und fragen, wer ein Pflegebett zu Hause hat. Die hat er mit Hannes abgeklappert und probiert.

Das kostet Eltern wie die Kiels viel Zeit, die sie eigentlich gar nicht haben. Neben der besonderen Pflege solcher Kinder hocken sie abends oft noch bis in die Nacht vor dem Computer, um Anträge zu stellen, Kinderärzte um Gutachten zu bitten oder sich in die Verhinderungs- oder Ersatzpflege einzufuchsen, die die Eltern gesunder Kinder nicht brauchen – und in der Regel auch nicht kennen. Deswegen fehlt vielen Eltern oft die Energie, sich auf kräftezehrende Auseinandersetzungen etwa mit der Krankenkasse einzulassen, sagt Kiel. Kooperation mit anderen Eltern könnte da eine wichtige Erleichterung sein.

Erich darf nicht mitspielen

Zusätzlich haben die Eltern das Ziel, ihre Interessen politisch durchzusetzen. Sie können zum Beispiel nicht verstehen, warum ihre Kinder aus dem Kindergartengesetz „Kibiz“ ausgeschlossen sind: Das hat zur Folge, dass Kinder auf heilpädagogischen Plätzen höchstens 35 Stunden pro Woche in der Kita betreut werden, alle anderen bis zu 45.

Im Kindergarten beginnt die Fußball-AG zum Beispiel um 15 Uhr. Die Kinder mit Behinderung müssen aber bis 14 Uhr abgeholt werden. Das bedeutet für Hannes‘ Kumpel Erich, dass er nicht mitspielen darf: „Weil er behindert ist“, wie Kiel sagt.

Zum Thema

Die Treffen sind jeden ersten Dienstag im Monat. Das nächste ist an diesem Dienstag um 20 Uhr, dieses Mal in der „Bar Celona“, Stubengasse 17. Anmeldung und weitere Infos unter 0251/1341000 oder thomas.kiel@gmx.net.

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