Populismus-Diskussion beim Kolping-Diözesanverband
„Wir haben eine sozial zutiefst gespaltene Wählerschaft“

Münster -

„Wie populistisch sind die Deutschen?“ Dieser Frage ging eine Diskussionsrunde auf Einladung des Kolping-Diözesanverbandes im Stadthotel nach. Die Diskutanten hatten teils widersprüchliche Ansichten.

Dienstag, 10.09.2019, 22:00 Uhr aktualisiert: 12.09.2019, 14:52 Uhr
Diskutierten mit Widersprüchen (v.l.): Ruprecht Polenz, Stephan Orth und Dr. Robert Vehrkamp.
Diskutierten mit Widersprüchen (v.l.): Ruprecht Polenz, Stephan Orth und Dr. Robert Vehrkamp. Foto: klm

Sie wissen es besser als andere – glauben sie – und vertreten als einzige politische Kraft die wirkliche Meinung des Volkes. Mit einer solchen Haltung versuchen Populisten, Wähler zu gewinnen, ist sich Dr. Robert Vehrkamp von der Bertelsmann-Stiftung sicher. „Sie sagen, sie handeln gegen die korrupte Politik des Establishments“, erklärte Vehrkamp am Montagabend als Gast des Kolping-Diözesanverbandes im Stadthotel.

Vehrkamp war maßgeblich an der wissenschaftlichen Erarbeitung des „Populismus-Barometers 2018“ der Bertelsmann-Stiftung beteiligt. Der Kolping lud ihn ein zu Vortrag und Diskussion mit dem Titel „Wie populistisch sind die Deutschen?“ anlässlich des 160-jährigen Bestehens des Verbandes.

„Die Grünen sind Klima-Populisten, die Linke Links-Populisten und die AfD Rechtspopulisten, heißt es gerne. Der Begriff wird in der öffentlichen Diskussion häufig sehr beliebig verwendet“, sagte Vehrkamp. Etwa 30 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland, so habe es die Bertelsmann-Untersuchung gezeigt, seien für populistische Ideen zugänglich, so Vehrkamp weiter.

„Sozial zutiefst gespaltene Wählerschaft“

Die Gründe für das Erstarken der Partei AfD speziell, der er ein „zutiefst illiberales Verständnis von Demokratie“ zuschrieb, sah der Volkswirtschaftler nur „zum Teil“ in der „Flüchtlingskrise von 2015“, wie er sagte. Die Politik in Deutschland habe in den „letzten zwei bis drei Jahrzehnten“ nach und nach dabei versagt, alle Teile der Gesellschaft zu repräsentieren. „Auch deshalb haben wir eine sozial zutiefst gespaltene Wählerschaft“.

Vehrkamp sprach sich für „neue demokratische Beteiligungsverfahren“ aus, um diese „Protestlücken“ zu schließen. Es gebe auf Bundesebene etwa „keine direkte Demokratie“ und „keine nennenswerte Bürgerbeteiligung“. Das solle sich ändern.

Seine Analysen gingen in eine Diskussion über, an der auch Münsters ehemaliger Bundestagsabgeordneter Ruprecht Polenz und der Sprecher des Kreisverbandes der Grünen, Stephan Orth, teilnahmen. Polenz nannte den Begriff Populismus im Kontext mit der AfD „verharmlosend“. Er sagte: „Es geht ihnen um Techniken der Machtergreifung.“ Politisch-inhaltlich würde er bei der AfD „von Faschismus sprechen“. Vehrkamp stellte infrage, ob Polenz „mit der Faschismus-Keule“ AfD-Wähler tatsächlich zurückgewinne. Der widersprach dieser Kritik: AfD-Wählern müsse erklärt werden, dass sie eine „Verantwortlichkeit für ihre Stimme“ hätten.

Stephan Orth unterstützte den Gedanken der Bürgerbeteiligung und stellte immer wieder Münster-Bezüge her. So habe das „Hansa-Forum“ viele basisdemokratische Qualitäten. Orth bedauerte allerdings, dass es schwierig sei, „politische Kompromisse zu vermitteln“. Die CDU und die Grünen etwa würden in Münster um politische Lösungen „miteinander ringen“. Das sei Demokratie.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6917305?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker