Interview mit Gründer der Clinic-Clowns
„Sie gucken auf das, was gesund ist“

Münster -

Die Clowns bringen Kinder zum Reden, Lachen und helfen über große Traurigkeit hinweg. Seit 25 Jahren sind die Clowns am Universitätsklinikum im Einsatz – und würden sich freuen, wenn die Finanzierung noch besser geklärt wäre. Ein Interview mit dem Gründervater der Clinic-Clown-Initiative in Münster.

Sonntag, 22.09.2019, 11:00 Uhr
Die UKM-Clinic-Clowns Professor Spargetti, Flora, Pippo, Konrad, Lollo und Harry feiern am Montag Jubiläum.
Die UKM-Clinic-Clowns Professor Spargetti, Flora, Pippo, Konrad, Lollo und Harry feiern am Montag Jubiläum. Foto: UKM/FZ/Hauss

Vor 25 Jahren schwappte eine Idee aus den USA nach Deutschland. Die Clinic-Clowns gingen damals zeitgleich in Münster und Wiesbaden an den Start. Christian Heeck ist der Gründervater der Clinic-Clown-Initiative in Münster und hat sie maßgeblich geprägt.

Am Montag (23. September) um 19 Uhr feiern Pippo, Harry, Flora, Prof. Spargetti, Konrad und Lollo und all die anderen in der Bezirksregierung ihr 25-jähriges Dienst-Jubiläum. Im Interview spricht Heeck über die Anfänge und die Zukunft der Initiative.

Christian, hast Du vor 25 Jahren damit gerechnet, dass Du dieses Jubiläum feiern würdest?

Heeck: Nein, überhaupt nicht. Zumal die Idee, Clinic-Clowns ans UKM zu holen, nicht vom ersten Tag an ausgereift war. Es war tatsächlich eine Idee, als ich eine Veranstaltung zweier englischer Clowns hierher geholt hatte. Die hatten ein großartiges Programm, „The doctor is coming“. Die hatten nicht nur weiße Kittel an, sondern auch eine Hundeleine, an deren Ende sie einen imaginären Hund mit sich führten. Und die Kinder auf den Stationen haben den Hund dann gestreichelt. Und ich hab nur gedacht: „Genial! Wir brauchen so was!“

Wie hast Du damals die Clinic-Clowns rekrutiert – denn so etwas gab es ja noch gar nicht…

Heeck: Ich hab’ natürlich erst mit den bekannten Leuten aus Film, Funk und Fernsehen gesprochen, mit denen ich schon Großveranstaltungen gemacht hatte. Und dann bin ich hier über die Dörfer gegangen. Gerry Sheridan aus der Eröffnungswoche ist tatsächlich heute noch dabei. Und dann hab ich noch Klaus Renzel als Pantomimen und Gitarristen gekannt, das waren die ersten, die ich angesprochen habe. Danach haben wir ein Programm entwickelt und ich habe dabei den Coach gemacht. Damit haben wir erst in den Ambulanzen der Kinderstationen angefangen – und irgendwann hat eine Mutter angefragt, ob wir so etwas nicht auch für den Geburtstag ihrer Tochter auf der Kinderstation machen könnten. So sind wir da reingerutscht. Die Philosophie dahinter ist so nach und nach dazu gekommen.

Wie haben die Kinder reagiert?

Heeck: Die Kinder haben sich gefreut. Die Clowns haben etwas, das unser Personal nicht hat: Sie gucken nicht auf die kranken Seiten, sie gucken auf das, was gesund ist. So nach dem Motto: Lass mal gucken, was funktioniert. Ich beschäftige mich mit Clowns, seit ich fünf bin – das ist Teil meines Lebens. Davon habe ich immer profitiert. Ich wusste, Clinic-Clowns brauchen ein grundlegendes Handwerkszeug. Aber wenn sie am Bett bei dem Patienten stehen, müssen sie das vergessen und sich einfach einlassen.

Wie funktioniert das?

Heeck: Ein Beispiel ist die Spiegelung: Wenn Du ein trauriges Kind vor dir hast, kannst Du nicht hingehen und da den Lustigkeits-Papst machen. Du spiegelst diesem Kind im Grunde, was Du gerade wahrnimmst. Und dadurch, dass es an dem Clown Traurigkeit sieht, werden ihm die eigenen Gefühle bewusst und es kann drüber reden: „Was ist denn mit Dir los, Clown, warum bist Du denn so traurig?“. Denn es ist ja bekannt, dass die Kinder über ihre Krankheit schweigen, einfach weil sie merken, dass die Erwachsenen ihnen sowieso nicht die Wahrheit sagen. Es gibt auch Kinder, die gar nicht ansprechbar sind – wo wir dann sagen, macht einfach irgendwas im Raum. Wo die Kinder irgendwann gucken und sich sagen: Was ist denn hier los? Was machen die denn da?

Was hat Dich in Deiner Zeit mit den Clowns besonders beeindruckt?

Heeck: Ich erinnere mich an ein Mädchen, das hatte wohl Krebs im Unterschenkel, und man hat den amputiert. Und man hat das Fußgelenk genommen und anstelle des Kniegelenks eingesetzt, um später einen besseren Halt für die Prothese zu ermöglichen. Die Erwachsenen gingen an dem Mädchen vorbei und konnten gar nicht hinsehen. Die Clowns hatte ich aufgefordert, immer direkt an die Person zu gehen. Einer schlich dann um den Stuhl rum bei dem Kind. Das Mädchen fragte: „Hast Du was verloren?“ – Clown: „Nö, nö! Alles in Ordnung“ – Mädchen: „Ja was machst Du denn dann da?“ – Clown: „Ich guck, wo Dein Bein ist? Ist das spazieren gegangen? Ich sehe ja nur ein Bein“. Diese Direktheit, die sich Erwachsene nie trauen würden, macht es aus. Danach hat das Mädchen 20 Minuten erzählt, dass man ihm das Bein abgenommen hat, wie die OP war, was genau das für ein Tumor war. Also: Wir dürfen als Clowns direkt sein. Wir müssen den Kindern als Verbündete gegenübertreten.

Sind die Kinder heute noch dieselben wie vor 25 Jahren?

Heeck: Nein, durch die gewachsene Mediendichte haben die Kinder ganz andere Ablenkungsmöglichkeiten. Wenn es vor 25 Jahren ein Büchlein oder vielleicht eine Kassette zum Hören gab, dann war das schon das Höchste der Gefühle. Das kann man mit heute, wo die Kinder alle mit „Daddel-Geräten“ ausgestattet sind, nicht vergleichen. Früher war auch die Verweildauer viel länger. Die Kinder hatten viel mehr Langeweile. Heute hat sich die Behandlungssituation extrem verdichtet. Und das hat dazu geführt, dass unsere Clowns anders agieren müssen. Sie müssen viel mehr eine Brücke zwischen dem Kind und den Behandelnden sein und müssen sich als Vermittler verhalten. Auch Eltern sind beruflich mehr eingespannt und oft überfordert. Außerdem: Ein Drittel der Kinder etwa versteht kein Deutsch oder nur wenig. Und diese Kinder kommen aus Kulturkreisen, wo der Clown keine große Rolle spielt. Diese Kinder müssen sich erst damit vertraut machen. Das heißt, Clowns müssen viel behutsamer sein als früher.

Also müssen die Clowns richtig psychologisch agieren?

Heeck: Das ist so. Die Clowns müssen nicht von sich ausgehen, sondern schauen: Wo steht der andere gerade? Und das andere ist: Auch die Krankheitsbelastungen werden immer extremer. Die Clowns sind inzwischen gefordert, bis hinein in die Sterbebegleitung zu gehen. Seit wir die Kooperation mit der Knochenmarktransplantation haben, sind die Clowns mit Patienten konfrontiert, die keine lange Perspektive mehr haben. Das ist natürlich eine andere Umgehensweise. Das braucht ein ganz anderes Wissen darüber, wie diese Kinder ihre Situation erleben.

Wie sieht die Perspektive der Clown-Bewegung aus? Kann es ein digitales Zeitalter mit Clinic-Clowns geben?

Heeck: Natürlich gibt es das. In einer überforderten Gesellschaft sogar umso mehr. Die Frage ist doch: Sollten wir nicht langsam an dem Punkt sein, eine Finanzierung über die Krankenkassen zu bekommen? Es ist schlimm, dass Clowns für ihre engagierte Arbeit mit der Spendenbüchse rumgehen müssen, das ist grotesk. Natürlich brauchen und schätzen wir die bürgerschaftliche Unterstützung. Ich hätte gerne eine noch stärkere Vernetzung zwischen den Clowns und anderen freiwilligen Initiativen. Auch für die palliative Unterstützung sollte es eine finanzielle Regelung geben, denn auch hier leisten die Clowns Unschätzbares. Ich bin froh über die Zusammenarbeit mit Eckart von Hirschhausen und seiner Stiftung „Humor hilft Heilen“. Durch seine Rolle als Arzt und Clown kann er einiges tun, sodass wir in punkto Finanzierung vielleicht zu einer besseren Regelung kommen.

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