Bombenangriff am 5. Oktober 1944
Josef Reuland: Im Zuchthaus den Bomben ausgeliefert

Münster -

Ende 1944 nahm die Zahl der Luftangriffe auf Münster enorm zu: Es gab es 329 Luftalarme mit 23 Angriffen. Am 5. Oktober 1944 wurde das Gefängnis getroffen, in dem die Gefangenen ungeschützt einsaßen. Einer von ihnen war der Trierer Pfarrer Josef Reuland.

Samstag, 05.10.2019, 08:00 Uhr aktualisiert: 07.10.2019, 10:59 Uhr
Beim Luftangriff auf Münster am 5. Oktober 1944 wurde das Gefängnis an der Gartenstraße schwer beschädigt. Die Anstaltskirche und die darunter liegende Verwaltung brannten aus. Der B-Flügel, das Lazarett, die Schreinerei und Teile der Umfassungsmauer wurden ebenfalls zerstört.
Beim Luftangriff auf Münster am 5. Oktober 1944 wurde das Gefängnis an der Gartenstraße schwer beschädigt. Die Anstaltskirche und die darunter liegende Verwaltung brannten aus. Der B-Flügel, das Lazarett, die Schreinerei und Teile der Umfassungsmauer wurden ebenfalls zerstört. Foto: Matthias Ahlke

Beim Luftangriff der Alliierten auf Münster wäre Pfarrer Josef Reuland aus Greimerath bei Trier in seiner Zelle im Zuchthaus an der Gartenstraße um ein Haar lebendig verbrannt. Es war der 5. Oktober 1944 am hellen Tag. Brand- und Sprengbomben fielen auf Stadt und Strafanstalt.

Neben kriminellen Strafgefangenen waren es vor allem sogenannte „Politische“, die das Zuchthaus Münster füllten. Darunter waren viele Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftler. Der Strafvorwurf lautete „Vorbereitung zum Hochverrat“. Auch Pfarrer Reuland war als „Hochverräter“ vom Berliner „Volksgerichtshof“ durch dessen Präsidenten Roland Freisler persönlich verurteilt worden.

Sooft ein Wachtmeister in seine Zelle kam, musste er strammstehen und melden: „Strafgefangener Reuland wegen unwahrer Behauptungen gegen die NSDAP mit sieben Jahren Zuchthaus bestraft.“ So wurde er täglich an seine lange Haftzeit erinnert. Grund seiner Verhaftung im November 1942 waren Gespräche mit zwei Luxemburger Priesteramtskandidaten über die Religionsfeindschaft der Nazis.

Auf seiner Odyssee durch die Strafanstalten des Reiches saß Reuland seit September 1943 in Münster, dem „Zuchthaus der Hochverräter“, ein. Seine Arbeit war das maschinelle Stricken von Strümpfen. Sein Zellennachbar, ein tschechischer Schulrektor, hatte ihn angelernt.

Pfarrer Reuland litt sehr darunter, dass er kein einziges religiöses Buch besitzen durfte. Umso glücklicher war er, als er bei Aufräumarbeiten in der ausgebrannten Gefängniskapelle einen Volksschott fand. Daraus schrieb er einzelne Bibelstellen ab. So hatte er bald eine eigene handgeschriebene Bibel. Jeder Satz sei ihm wie ein Edelstein vorgekommen, der, je länger man ihn betrachtet, umso schöner funkelt. Vor allem die Gebete der Bibel hatten es Reuland angetan. Fliehen konnte Reuland nicht. In den Gefahren der Haft und des Krieges aber „flüchtete ich mich in meine Psalmen“.

Nach dem Angriff im Oktober 1944 verblieb Reuland noch wenige Wochen in Münster zu Aufräumarbeiten. Einen Angriff auf Essen, bei dem das Gefängnis zerstört wurde und 200 Mitgefangene ihr Leben verloren, überlebte Reuland abermals., meist durch Lungenriss. Umgehend wurde er ins Strafgefängnis Bochum verlegt, wo in der NS-Zeit mindestens 50 Priester einsaßen. Wenige Wochen später, kurz nach seinem silbernen Priesterjubiläum, erlitt Reuland bei der Evakuierung der Anstalt am 29. März 1945 einen aufgesetzten Genickschuss, ohne tödlich verletzt zu werden.

Noch 13 Jahre lang wirkte Pfarrer Josef Reuland im Bistum Trier, körperlich und psychisch angeschlagen. Der Wahlspruch nach Befreiung aus der Haft steht auch auf seinem Grab: „Er hat dem Tode mich entrissen. So darf ich wieder wandeln vor dem Herrn im Lande der Lebenden“ (Psalm 114,9).

Zum Thema

Pastoralreferent Alfons Zimmer ist Gefängnisseelsorger in der JVA Bochum. Er erforscht die Geschichte politisch Gefangener in der NS-Zeit – angeregt durch die Arbeit seines münsterischen Kollegen Dieter Wever („Das Zuchthaus Münster im Nationalsozialismus“).   | www.jva-muenster.nrw.de/behoerde/behoerdenvorstellung/index.php

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Aus den Erinnerungen von Josef Reuland

Furchtbar waren für uns Gefangene die Fliegerangriffe. Bei Vollalarm wurden jedesmal die Zellen abgeschlossen und abgeriegelt. Die Aufsichtsbeamten gingen in den Bunker und überließen die Gefangenen ihrem Schicksal. Man hatte den Eindruck, die Gefangenen sollten auf diesem Weg beseitigt werden. Wenn neue Gefangene kamen, war gewöhnlich eine der ersten Fragen, ob unser Bunker bombensicher sei. Wenn sie dann hörten, daß es für uns keinen Bunker gebe, und daß wir in den verschlossenen Zellen bleiben müßten, waren sie ganz mutlos. Ich mußte alle Fliegerangriffe im Zuchthaus in Münster, Essen und Bochum im 3. und 4. Stockwerk mitmachen.Beim Großangriff auf Münster am 5. Oktober 1944, bei dem das Zuchthaus in Brand geworfen wurde, bin ich in meiner Zelle beinahe lebendig verbrannt. Die Flammen schlugen von dem Hof her, wo sich ein Bretterlager befand, ins 4. Stockwerk hinein; Phosphor und Öl trieben sie immer wieder von neuem hoch. In meiner Zelle brannte vor mir das Fenster, hinter mir brannte die Zellentür; über mir das Dachgebälk. Fast mußte ich ersticken inmitten der schweren schwarzen Rauchwolken. Ich sah den Tod vor Augen, entweder durch Verbrennen oder Ersticken. Noch nie habe ich die Gegenwart des hl. Schutzengels so gefühlt wie in dieser furchtbaren Stunde. Ich möchte sagen, bis jetzt habe ich geglaubt, daß ich einen Schutzengel habe; jetzt weiß ich es; ich habe ihn erlebt.“

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