Kriegsverbrecher-Prozesse mit Bezug zu Münster
Planspiel mit Tiefgang

Münster -

„Wie kann eine Erinnerungskultur geschaffen werden, wenn es die Zeitzeugen bald nicht mehr gibt? Und wie würden die jungen Menschen persönlich entscheiden?“ Das sind Fragen, die sich Sebastian Lanwer, Jugendbildungsreferent im Franz-Hitze-Haus, stellte.

Freitag, 01.11.2019, 15:00 Uhr aktualisiert: 01.11.2019, 15:06 Uhr
Aktensichtung beim Schülerplanspiel im Franz-Hitze-Haus: Hauptkommissar Rainer Stoye (r.) gibt den Schülern Anregungen für ihr Verteidigungsplädoyer im Kriegsverbrecher-Prozess.
Aktensichtung beim Schülerplanspiel im Franz-Hitze-Haus: Hauptkommissar Rainer Stoye (r.) gibt den Schülern Anregungen für ihr Verteidigungsplädoyer im Kriegsverbrecher-Prozess. Foto: Matthias Ahlke

In diesem Sinne diskutierten am Donnerstagvormittag 39 Schüler aus acht Gymnasien in Münster über den politischen und ethischen Stellenwert von aktuellen Kriegsverbrecher-Prozessen. Den Rahmen gab die Veranstaltung „Kein Frieden ohne Gerechtigkeit?“ in der Schülerakademie im Franz-Hitze-Haus, mit Planspiel, Theaterstück und Kurzvorträgen.

Im Planspiel schlüpften die Oberstufenschüler selbst in die Rolle von Staatsanwaltschaft oder Verteidigung, in je einem von zwei Justizfällen: Der Fall Johann R., SS-Wachmann im Konzentrationslager Stutthof, angeklagt vor dem Landgericht Münster, und der Fall Abu Dieb, Anführer einer Miliz in Syrien, der sich in Münster unter falschem Namen versteckte.

Die Schüler sichteten Akten, etwa Zeugenaussagen, Bilder oder KZ-Modellpläne, und stellten ihre Plädoyers der Gegenseite vor. Es herrschte rege Beteiligung, viele wollten weitere Argumente beitragen. Doch in der Frage „Anklagen oder nicht?“ waren sich schlussendlich alle einig: Es geht vor Gericht.

„Es sind Originalfälle mit Bezug zu Münster, sogar Originalakten. Es wird greifbarer, wenn sich der Bezug zu Syrien oder der NS-Zeit in der Stadt widerspiegelt, in der man lebt“, erklärt Sarah Klosterkamp, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Geografie in Münster. Sie und Hauptkommissar Rainer Stoye gaben den Schülern in Vorträgen und im Planspiel Impulse.

Der Schüler Matthias Runte hielt in seiner zugelosten Rolle das Verteidigungsplädoyer im NS-Fall. Das Planspiel sei eine interessante Abwechslung zum Unterricht, meinte er. Beim Sichten der Fallakten ein Gedanke: „Das Geschehene kann man emotional nicht begreifen“, so der Schüler.

Die Originalfälle gingen nach Angaben der Referenten unterschiedlich aus. Abu Dieb sitzt in lebenslanger Haft mit Sicherheitsverwahrung, das Verfahren Johann R. wurde eingestellt.

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