Beginn der Festwoche „Münster Musik“
Klänge zwischen Alm und Meer

Münster -

Musikschule, Musikhochschule und Sinfonieorchester feierten am Wochenende. Mit einem Sternmarsch, besonderen Aktionen im Theater und einem festlichen Gala-Konzert wurde eine Festwoche zum 100-jährigen Bestehen der Musikinstitutionen Münsters eingeleitet. Und die Hoffnung auf einen Musikcampus bekam neue Nahrung.

Sonntag, 10.11.2019, 17:00 Uhr aktualisiert: 10.11.2019, 19:05 Uhr
Schwungvolles Finale: Tor-Song Tan dirigiert die „Akademische Festouvertüre“ von Johannes Brahms.
Schwungvolles Finale: Tor-Song Tan dirigiert die „Akademische Festouvertüre“ von Johannes Brahms. Foto: OLIVER BERG

Kuhglocken? Gegen Ende der Münster-Komposition „Außen Stadt Innen Räume“ tönten Klänge ins Große Haus, die man kaum mit der Westfalen-Metropole in Verbindung bringen würde. Klar, der Komponist Daniel Ott ist Schweizer, da darf schon mal ein alpenländischer Gruß ins musikalische Gewebe eingearbeitet sein. Doch auch sonst war das Auftragswerk der drei Jubilare Sinfonieorchester, Musikhochschule und Westfälische Schule für Musik, uraufgeführt zum Beginn der Festwoche „Mensch Musik“, beileibe kein putziges Heimatklänge-Potpourri.

Wer sich bereits am Samstagnachmittag zum Bühneneingang des Theaters begab, bekam einen Vorgeschmack auf Otts Verfahren. Dort hatten sich nach einem Sternmarsch verschiedene Ensembles versammelt, traf etwa die Blasorchester-Version von „Smoke on the Water“ auf den Chorgesang „O Fortuna“, gewürzt mit Trommelklängen. Die heterogenen Stücke fügten sich gewissermaßen zu höherer Harmonie und wurden dann von einer sich steigernden Klangtraube Daniel Otts aufgefangen, die mit anschließendem Getrommel und funkigen Bläsern zum zweiten Teil des Werks einlud: einem Klangparcours durch den „Bauch“ des Theaters.

Dieser Teil, vom Komponisten gemeinsam mit Regisseur Enrico Stolzenburg entwickelt, löste beim Publikum wohl die größte Faszination des dreiteiligen Werks aus. Als würden sie sich nicht im Geringsten um die vorbeischauenden Besucher scheren, hatten sich lauter Musiker in Proberäumen, Gängen, sogar im Lastenaufzug postiert, um mit seltsamen Klangerzeugungen auf die Geräusche aus den Lautsprechern zu reagieren – und den staunenden Flaneuren oftmals den Rücken zuzukehren. Und schon hier waren die komponierten Töne spannender zu verfolgen als jene konservierten Klänge, die zwar aus Münster stammen, aber oft austauschbar wirkten, wie Vogelrufe und Flughafenlärm. Wenn man hingegen an einem kleinen Ensemble vorbeikommt, das tönerne Blumenkästen mit Schlegeln bearbeitet, wenn sich junge Streicher in einem fast endlos scheinenden Gang aufreihen, um ihre Bögen auf die Saiten springen zu lassen, anfangs sechs Saxofone und später acht Harfen ihre Gespräche anstimmen oder ein Streichquartett das Foyer des Kleinen Hauses füllt – dann ist das für die Besucher ähnlich faszinierend wie das Passieren seltsamer technischer Einrichtungen des Theaters oder die unvermutete „Landung“ auf der Bühne des Großen Hauses.

Dort präsentierten Generalmusikdirektor Golo Berg und das Sinfonieorchester beim abendlichen Festkonzert den dritten Teil von Otts Werk – wiederum ein Reflektieren der gesammelten Münster-Geräusche. Kinderstimmen, Regenrauschen, dunkle Bahnhofs-Atmosphäre: Ott spinnt diese Vorgaben mit schillernden Klangflächen fort, vom Schlagzeug gibt es klingende Akzente, erst später geht es wuchtig-rhythmisch zur Sache, und wenn sich ein dichter Cluster bis zum Kreischen steigert, glaubt man sich eher in eine Industrie-Region versetzt als ins beschauliche Münsterland. Kuhglocken und Meeresrauschen fangen das aber auf, so dass nicht nur die Musiker, sondern auch Komponist und Regisseur am Ende großen Beifall ernten dürfen.

Gala-Konzert zum Beginn der Festwoche „Münster Musik“

1/6
  • Mit einem Sternmarsch, Aktionen in den Katakomben des Theaters und einem Gala-Konzert...

    Foto: Oliver Berg
  • ...feierten Münsters-Musikinstitutionen Musischule, Musikhochschule und Sinfonieorchester im Theater Münster ihren 100. Geburtstag.

    Foto: Oliver Berg
  • Foto: Oliver Berg
  • Foto: Oliver Berg
  • Foto: Oliver Berg
  • Foto: Oliver Berg

Gewiss, mit Melodien im klassisch-romantischen Sinn hat das nichts zu tun – aber dafür war ja der zweite Teil des Konzerts „zuständig“, in dem alle drei Jubilare ein großes Festorchester bildeten, das unter der Leitung von Marion Wood (Musikhochschule) und Tor-Song Tan (Musikschule) die „Rhapsody in Blue“ mit der gewitzten Solistin Yeonseo Jeong und die „Akademische Festouvertüre“ präsentierte.

Davor aber gab es zwei Grußworte – und die waren mehr als „nur“ der offizielle Akt des Abends. Denn sowohl Oberbürgermeister Markus Lewe als auch die nordrhein-westfälische Kulturministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen lobten den Geist der Zusammenarbeit der drei Jubilare, deren 100. Geburtstag auch daran erinnert, als wie bedeutsam die Musik und ihre Institutionen kurz nach dem Ersten Weltkrieg erkannt wurden. Profis und Laien aus allen Generationen, die an einem Ort mit Musik für Verständigung sogen: Für Pfeiffer-Poens­gen kann das im Rahmen eines Musik-Campus „wegweisend sein“. „Wenn Stadt und Universität ihre Kräfte bündeln, wird das ein positives Signal für die ganze Stadtgesellschaft“, versicherte sie und forderte unter großem Applaus diese Gesellschaft auf: „Nutzen Sie diese Chance. Jetzt.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7055905?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686822%2F
Nachrichten-Ticker