Christian Berkel bei Weverinck
Ein Apfelbaum voller Geschichte(n)

Münster -

Der Schauspieler Christian Berkel hat in jahrelanger Arbeit die Geschichte seiner Familie recherchiert und zu einem Roman verdichtet. Daraus las er am Samstag auf Einladung von Weverinck-Management in der Reihe „Meister des Wortes“ vor. Dem Publikum boten sich spannende Einblicke in 100 Jahre deutscher Geschichte und in die dramatischen Erlebnisse einer verzweigten deutsch-jüdischen Familie.

Sonntag, 17.11.2019, 14:34 Uhr aktualisiert: 17.11.2019, 18:22 Uhr
Christian Berkel signierte nach seiner Lesung im Kleinen Haus des Theaters Münster seine Bücher.
Christian Berkel signierte nach seiner Lesung im Kleinen Haus des Theaters Münster seine Bücher. Foto: Johannes Loy

Christian Berkels Roman heißt nicht umsonst „Der Apfelbaum“. Diesen Titel kann man auf zweierlei Weise deuten. Die erste Deutung lieferte der Schauspieler („Der Kriminalist“) am Samstag bei seiner Weverinck-Lesung gleich zu Beginn. Denn der Apfelbaum im Garten war für den jungen Christian, der in Berlin aufwuchs, „die erste Bühne“. Schon früh hatte der Junge bei Kindervorstellungen Theaterluft geschnuppert und wusste, dass dies sein Weg sein würde.  

Der Apfelbaum, so dämmerte es dem Publikum, könnte aber auch sinnbildlich stehen für die Familie, den von der Geschichte geschüttelten und verzweigten Stammbaum. Es hat Christian Berkel nicht losgelassen, dass seine Mutter ihn als halb jüdisch und halb deutsch bezeichnete, als er sie einmal nach seiner Herkunft fragte. „Nicht ganz zu sein“, das nagte an der Identität des Jungen. Die Tabus der eigenen Familie, auch die Sprachlosigkeit, haben ihn umgetrieben, und dann hat er sich auf Recherche begeben und seine Familiengeschichte, romanhaft verdichtet, aufgeschrieben.

So schlägt er in seiner Lesung nun über fast zwei Stunden den Bogen von letzten Besuchen bei der 91-jährigen Mutter, die schon manches durcheinanderwirft, rund 100 Jahre zurück zu den Großeltern. Jean, ein Bohemien mit Verbindungen zu Dichtern und Denkern in Ascona, und die aus Lodz stammende Jüdin Isa gewinnen Kontur, die Großmutter väterlicherseits ist Anna, deren Mann an russischer Weltkriegsfront stirbt. Berkels Eltern werden aus ganz unterschiedlichen Milieus zusammengewürfelt: 1932, als Berkels Vater Otto (17) in einer Berliner Boxerclique auf die schiefe Bahn gerät und bei einem Einbruch in eine Villa die hübsche Sala (13) kennenlernt. Berkel spricht frei die familiengeschichtlichen Überleitungen, spannend, sachlich, wortgewandt, dann liest er wieder Passagen, eine feine Prosa, mit bühnenerprobter Betonung, dazwischen „berlinert“ er „milljöh“-gerecht wie in der einfach gestrickten Sippe seines Vaters Otto. Die Mutter Sala, nach den Nürnberger Rassegesetzen als „Halbjüdin“ eingestuft („Sie hat sich auch später immer so bezeichnet“, zeigt sich Berkel heute noch befremdet), flieht nach Frankreich, erlebt das Grauen eines Frauenlagers in den Pyrenäen, kann später auf einer Zugfahrt nach Leipzig untertauchen.

Berkel löst den Knoten der Spannung während dieser Zugfahrt nicht auf. Das muss man lesen. Er beendet den Abend nicht ohne Warnungen vor jenen, die die NS-Zeit heute als „Vogelschiss“ bagatellisieren. Und vor jenen, die heute wieder hetzen. „Aus Worte werden Taten“, sagt er. Großer Applaus für den Schauspieler und Schriftsteller Christian Berkel.

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