Vortrag im Haus der Niederlande
Calmeyers Geschichte hat viele Grautöne

Münster -

Wer in den von den Nazis besetzten Niederlanden als Jude zu identifizieren war, dem drohte die Deportation. Es sei denn, man bekam gefälschte Papiere. Von Hans Georg Calmeyer, den manche als „Schindler von Osnabrück“ bezeichnen. Doch so glatt ist seine eigene Geschichte nicht, wie ein Vortrag im Haus der Niederlande verdeutlichte.

Mittwoch, 20.11.2019, 21:29 Uhr
Durch Tausende von Akten spürte Petra van dem Boomgard (r.) dem Geschehen nach. Rolf-Ulrich Kunze (l.) moderierte die Veranstaltung. Im Hintergrund Juden, die als Nicht-Juden überlebten.
Durch Tausende von Akten spürte Petra van dem Boomgaard (r.) dem Geschehen nach. Rolf-Ulrich Kunze (l.) moderierte die Veranstaltung. Im Hintergrund Juden, die als Nicht-Juden überlebten. Foto: anh

Nicht „schwarz“ oder „weiß“ zu bewerten seien Personen in der Geschichte, sondern mit vielen Schattierungen von Grau. Das stellte Rolf-Ulrich Kunze, Professor für Neuere und Neueste Geschichte in Karlsruhe, einem Vortrag von Petra van den Boomgaard im Haus der Niederlande voran, der dem „Schindler von Osnabrück“, Hans Georg Calmeyer, galt, einem „Gerechten unter den Völkern“.

Die Grautöne sah auch van den Boomgaard. Calmeyer arbeitete von 1941 bis 1945 in der deutschen Besatzungsbehörde als „Rassereferent“ im besetzten Den Haag. Er entschied in „rassischen Zweifelsfragen“ mit, ob jemand Jude sei oder nicht. Beteiligt waren Anwälte, Ärzte, Standesbeamte, Gutachter und Kirchengemeinden.

Dissertation um 670 Seiten

Kein Ruhmesblatt ist die Causa Calmeyer für die niederländische Geschichtswis senschaft. Mehrere exponier te Vertreter hätten auf minimaler Basis scharfe Urteile gefällt, so Kunze. Der Mühe, sich durch das ganze, schon lange zugängliche Archiv zu arbeiten (eine Wand von Aktenbehältern), unterzog sich erst Petra van den Boomgaard – drei Jahre lang.

Eine sicherlich frustrierende Arbeit, sagte Kunze. Sie habe wissen wollen, was wirklich geschehen sei, erklärte van den Boomgaard am Dienstagabend dem Publikum. Die Dissertation, 2019 erschienen, umfasst über 670 Seiten. Es sei von den vielen Handelnden ein Bild mit Licht und Schatten entstan den, „nobody was only good“.

Publikum stellte interessierte Fragen

Es sei fragwürdig, moralische Urteile über das Handeln von Menschen zu fällen, die in Lebensgefahr schwebten. Auch über Juden, die den offiziellen Grad ihrer jüdischen Abstammung mindern wollten, um eine Chance zum Überleben zu gewinnen, indem sie „Voor de nazis geen jood“ mehr waren, wie der Titel ihres Buches lautet.

Vielen glückte es, für manche kam das Verfahren zu spät – wenn jemand schon deportiert war. Das Publikum im gut besuchten Lesesaal im Haus der Niederlande stellte interessiert Fragen und schätzte den Willen zum differenzierten Urteil.

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