Buchpräsentation in der Villa ten Hompel
Sparkassen zur Nazi-Zeit

Münster -

„Wer spart, hilft Adolf Hitler“ – der Buchtitel ist keine verkaufsfördernde Erfindung, sondern ein authentischer Sparkassen-Slogan von 1933. Über die Rolle der Sparkassen im Nationalsozialismus haben drei junge Historiker geforscht. Ihre Studie schlug sich jetzt in einem Buch nieder.

Samstag, 07.12.2019, 16:00 Uhr
Freuten sich über die Buchpräsentation (v.l.): Thomas Köhler, Dr. Philipp Erdmann, Dr. Christoph Spieker (Villa ten Hompel), Dr. Kathrin Baas, Dr. Annika Hartmann, Dr. Karl-Peter Ellerbrock.
Freuten sich über die Buchpräsentation (v.l.): Thomas Köhler, Dr. Philipp Erdmann, Dr. Christoph Spieker (Villa ten Hompel), Dr. Kathrin Baas, Dr. Annika Hartmann, Dr. Karl-Peter Ellerbrock. Foto: Arndt Zinkant

Dieser Slogan ist nicht der einzige seiner Art: Bis 1945 gab es in Kinosälen Werbung wie „Sparen bis zum Sieg“. Aber wie „braun“ waren die Sparkassen seinerzeit genau? Diese Frage haben drei junge Historiker untersucht und binnen zwei Jahren zu einer Studie zusammengefasst, die von der Villa ten Hompel und dem Westfälischen Wirtschaftsarchiv herausgegeben und im Verlag Aschendorff erschienen ist. Am Donnerstag fanden sich in der Villa ten Hompel viele Interessierte zur Buchpräsentation ein.

Als eine der ersten Sparkassen in Deutschland hat sich die Sparkasse Münsterland Ost ihrer Vergangenheit gestellt und ihre Verstrickung in das NS-Regime aufarbeiten lassen; ein noch weitgehend unerschlossenes Feld. Was an diesem Abend klar wurde: Das münsterische Geldinstitut hatte sich als „NS-Musterbetrieb“ durchaus gegenüber anderen hervorgetan – was sich auch in der Verleihung einer „Goldenen Fahne“ im Jahr 1939 niederschlug.

„Prozess der Selbstnazifizierung“

Einen „Prozess der Selbstnazifizierung“ nannte Thomas Köhler die Entwicklung nicht nur dieses Geldinstituts, als er das Podiumsgespräch moderierte. Alle drei Historiker haben ihr Studium in Münster absolviert: Dr. Annika Hartmann, Dr. Kathrin Baas und Dr. Philipp Erdmann. Wie stark wirkte sich die NS-Ideologie im Sparkassen-Alltag aus? Und wie auf verfolgte Juden innerhalb der Kundschaft? Diese Fragen standen im Mittelpunkt.

Dass die Kunden mit ihren Guthaben zur Kriegsfinanzierung beitrugen, war evident. Und zwar möglichst „geräuschlos“, wie Philipp Erdmann es formulierte – waren die Sparer doch durch die Geldvernichtung des Ersten Weltkriegs vorsichtiger geworden. Dennoch wurde in der Hoffnung auf den „Endsieg“ weiter gespart – mit Spargutscheinen für Neugeborene bis zum „Eisernen Sparbuch“. Die kommunale Trägerschaft der Sparkassen prädestinierte die Institute dafür, wenngleich auch kleinere, jüdische Privatbanken zunächst unverzichtbar gewesen seien.

„Und der Widerstand?“, wurde aus dem Publikum am Ende gefragt. Konnte man sich all dem entziehen – und wenn ja, wie? Annika Hartmann brachte das Dilemma für die historische Forschung auf den Punkt: „Widerstand ist immer nur zu finden, wenn er auffliegt.“

Zum Thema

„Wer spart, hilft Adolf Hitler. Nationalsozialismus und Sparkassen – Münster und das östliche Münsterland“, Verlag Aschendorff, ISBN 978-3-402-24609-2, 19,80 Euro

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