Weihnachtsoratorium in der Erlöserkirche
Mit radikalpastoraler Emphase

Münster -

Die Weihnachtsidylle des Erlösers Jesus Christus geschieht im Schatten düsterer Ereignisse. Dagegen bietet das „Weihnachtsoratorium“ von Bach allen historischen Anfechtungen schier verwegen Paroli. Es zielt auf die prophetische Exklusivität, an deren Errettungsekstase heutzutage oft nur exzessive Kaufrausch-Attacken vage erinnern . . .

Montag, 09.12.2019, 17:42 Uhr
Ludwig Wegesin leitete das Weihnachtsoratorium.
Ludwig Wegesin leitete das Weihnachtsoratorium. Foto: Moseler

Die Weihnachtsidylle des Erlösers Jesus Christus geschieht im Schatten düsterer Ereignisse. Dagegen bietet das „Weihnachtsoratorium“ von Bach allen historischen Anfechtungen schier verwegen Paroli. Es zielt auf die prophetische Exklusivität, an deren Errettungsekstase heutzutage oft nur exzessive Kaufrausch-Attacken vage erinnern . . .

In der Erlöserkirche donnerte der Paukist seine Akzente im „Jauchzet, frohlocket“ mit federnder Vehemenz, eskortiert von Trompeten, als trüge die Geschichte der Erlösung bereits das Siegel unausweichlicher Glaubhaftigkeit. Ludwig Wegesin führte Kourion-Orchester, das Trompeten-Ensemble P. Mönkediek, den Heinrich-Schütz-Chor und Gesangssolisten durch Bachs „Wunderwerk“ mit radikal pastoraler Emphase. Im Eingangschor gurrten die Triller, und durch die Violinen wehte sanft ein Windstoß, als der Chor sein „Jauchzet, frohlocket“ intonierte. Dieser Moment war auch in dieser Aufführung unsterblich – als stürze die gesamte Menschheit hoffnungslos beglückt in ein fremdes Abenteuer.

Jens Zumbült (Tenor) betonte in den Rezitativen des Evangelisten demütige wie aufbegehrende Haltung und parierte eisern endlose Koloraturstrapazen in der Arie „Frohe Hirten, eilt“. Den Elan des Anfangschors kontrastierte die Aria „Bereite dich, Zion“ durch den introvertierten Stimmklang der Altistin Gertrud Hurk, auch Christoph Scheeben distanzierte sich wie in „Großer Herr, o starker König“ von autoritärer Marmor-Attitüde. Ungewöhnlich die Choräle, die anstelle apollinischer Eile in dieser Aufführung beinahe altersweise Gelassenheit verströmten. Der Sopran von Johanna Haecker modellierte in der Aria „Flößt, mein Heiland“ zarteste Pastellfarben und lenkte sanft die Perspektive auf die (mitunter) unsanfte Allmacht des Allerhöchsten.

Dagegen wurde im Schlusschoral des III. Teils „Seid froh dieweil“ im Stil einer unnachgiebigen Standpauke gläubige Zuversicht anempfohlen, und der Chor hatte in den Stromschnellen des „Herrscher des Himmels“ (wie von der verheißungsvollen Musik Bachs überwältigt) den Eigensinn der Menschheit anklingen lassen. Im Schiffsbauch der Erlöserkirche schien in diesem Moment die Zuversicht zu schlummern, alle Irrtümer des Glaubens könnten eines Tages behoben sein. Herzlicher Beifall.

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