Buchsommelier Tilman Rademacher im Bühnenboden
Warten mit Godot

Münster -

„Er wartet immer, immer schon / auf Wladimir und Estragon“, rezitiert Tilman Rademacher eines seiner neuen Gedichte. Die Rede ist von Godot, Samuel Becketts mysteriöser, nie in Erscheinung tretender Bühnenfigur. Rademacher dreht den Spieß um: Hier harrt nun Godot vergeblich aus.

Freitag, 13.12.2019, 19:16 Uhr
Tilman Rademacher stellte im Kammertheater viel beklatschte lyrische Spekulationen an.
Tilman Rademacher stellte im Kammertheater viel beklatschte lyrische Spekulationen an. Foto: Wolfgang A. Müller

„Er wartet immer, immer schon / auf Wladimir und Estragon“, rezitiert Tilman Rademacher eines seiner neuen Gedichte. Die Rede ist von Godot, Samuel Becketts mysteriöser, nie in Erscheinung tretender Bühnenfigur. Rademacher dreht den Spieß um: Hier harrt nun Godot vergeblich aus. Doch als ihm das endlose Warten dann doch zu öde wird, geht er in den Zoo und vergnügt sich.

„Warten auf“ ist eines von gleich mehreren Gedichten seines 210 Seiten starken Lyrikbandes „Der Buchsommelier 2“, in denen der münstersche Autor und Schauspieler mitunter alternative Blickwinkel auf bekannte Erzählungen erkundet. Damit schlägt Rademacher auch dem Unbehagen des Künstlers, ob nicht alles schon einmal gesagt, getan, geschrieben wurde und alles doch nur mehr Plagiat sei, wiederholt und trotzig ein Schnippchen: „Mir egal!“ Im Kammertheater Bühnenboden schöpfte am Donnerstag so ein von den eigenen Versen und vorauseilender Gestaltungsfreude geradewegs am Nasenring gezogener und von seiner das Publikum fesselnden Vortragskunst getragener Überzeugungstäter aus dem Vollen.

Oft ungewöhnliche Betrachtungen über Gott und die Welt, seelische Abgründe und Beobachtungen aus dem Theaterbetrieb nehmen in Rademachers lyrischem Universum bequem Platz. Dort gruppieren sich kurze Sentenzen zu pompösen und wuchtigen Kaskaden, um mitunter unvermittelt ins Profane zu stürzen. Komik und Tragik kulminieren in einem furiosen, bisweilen grotesken Moment.

Ein Schauspieler bemerkt nach getaner Arbeit am Seiteneingang des Theaters: „Es riecht nach Kohl / du fühlst dich hohl.“ Andernorts wird ein erhabenes Dankgebet angestimmt an einen Tisch und alle, die zu diesem alltäglichen Möbel beitrugen. Rademachers Sprachmix, der geschmeidig einen Bogen von Goethe zu Gernhardt und von Rilke und Ringelnatz zu Rap schlägt, reibt sich lustvoll, sprachverliebt und mit mancher Intertextualität an den Sujets.

Zu seinen vielen beklatschten lyrischen Spekulationen zählt auch die über eine totgeborene „Schwester Jesu“, die womöglich ganz ohne den blutigen Horror der Passionsgeschichte eine frohe Botschaft in die Welt hätte senden können. Immerhin lässt Rademacher dem neckisch als „du alter Murmelschubser“ adressierten Sisyphos, dem Held des Absurden, ein Happy End angedeihen: Das Schlitzohr rollt den Kiesel endlich auf den Gipfel. Doch das ist nur der Anfang einer neuen, leicht bösen Geschichte.

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