Erfolgsmusical im Theater Münster zwischen Lachen und Weinen
Fröhliches, trauriges Anatevka

Münster -

Das Musical Anatevka über Leben, Liebe und Leiden in einem kleinen jüdischen Dorf zur Zarenzeit gilt als Erfolgsstück. In Münster gelingt Regisseurin Nilufar K. Münzing eine stimmige Interpretation zwischen Familienglück und Familienzwist, dörflichem Streit und schwerem Schicksal einer verfolgten Minderheit.

Sonntag, 15.12.2019, 14:04 Uhr
Stimmung im „Schtetl“: Zeitel (Melanie
Stimmung im „Schtetl“: Zeitel (Melanie Foto: Oliver Berg

Als die zaristische Polizisten die Hochzeitsfeier im „Schtetl“ Anatevka beenden und am Ende die Dorfgemeinschaft gar zum Verlassen ihres Dorfes auffordern, wird es still im Theater Münster. Betroffen sehen die Zuschauer im Großen Haus, wie die jüdische Dorfgemeinschaft ihre Kleidung ablegt und im tristen Drillich gemeinsam in eine ungewisse Zukunft geht. Wem fielen da nicht Bilder von Verfolgung, Lager und Massenmord ein? Deshalb kann Anatevka („Fiddler on the Roof“), 1964 in Amerika als Musical aus der Taufe gehoben, eigentlich so gar kein reines Unterhaltungsstück sein. Und auch kein Lehrstück über jüdische Tradition, zumal früher schon kritische Stimmen bemerkten, dass hier eben auch Klischeevorstellungen über orientalisch singende und schachernde Charaktere bedient würden.

In der behutsamen münsterschen Inszenierung von Nilufar K. Münzing hält sich das in der feinen Abstimmung in guten Grenzen, und so sieht das Publikum zwischen Erstaunen und Erheiterung zuallererst einen östlichen Dorfkosmos, in dem „Tradition“ die Hauptrolle spielt, Familie und Religion eine Einheit bilden und Generationenkonflikte zwischen Eltern und heranwachsenden Kindern aufbrechen. So gesehen, könnte Anatevka auch ein Synonym für dörfliche Enge, patriarchale Strukturen und den üblichen Familienzwist sein, und darin erkennt sich vermutlich jeder wieder. Für diese Anordnung hat Bernhard Niechotz eine kluge Bühnenkonstruktion aus variablen, dörflich-russisch anmutenden Holz-Giebelhäusern gewählt, die sich bei Bedarf verschieben lassen. Mal umrahmen sie den Dorfplatz, dann verengen sie sich zur Wohnstube und zur Kneipe oder öffnen sich zum farbig illuminierten Bühnenhintergrund, der die Weite des Horizonts jenseits des Dörfchens andeutet. Zuweilen wirken die Häuserbretter aber auch wie ein Lagerzaun, und das gibt zusätzlich zu denken. Gregor Dalal, der herausragende Akteur des Abends, spielt den Milchmann Tevje („Wenn ich einmal reich wär’“) eigentlich gar nicht wie einen fröhlich dudelnden Simpel, auch wenn dieser ständig Bibelzitate verfälscht oder verwechselt. Natürlich hat er klare und sehr berechnende Vorstellungen von der Verheiratung seiner Töchter, und doch zeigt er zumindest bei den ersten beiden höchste väterliche Herzensbildung und gibt ihnen trotz empfundenen Traditionsbruchs den väterlichen Segen. Die Hosen im Haus hat ohnehin seine Frau Golde (Extra-Applaus für Suzanne McLeod) an. Und doch ist es Liebe, die auch das alte Paar in einer besonders rührenden Szene verbindet. Die Töchter Zeitel (Melanie Spitau), Hodel (Kathrin Filip) und Chava (Finn Samira) befinden sich auf dem Sprung in ein eigenes Leben. Und dafür stehen der mittellose Schneider Mottel (Pascal Herington), der gebildete Lehrer Perchik (Emil Schwarz) und Fedja (Patrick Kramer).

Der Regie fällt so einiges ein, um diese Szenerie zwischen Haus, Dorf, Mischpoke und weiter Welt launig zu schildern: Barbara Wuster wuselt als Klatschbase Jente durch die Gegend. Sterne schweben vom Himmel und läuten den „Schabbes“ ein. Schneider Mottel darf im Liebesrausch an Drahtseilen in den Himmel schweben, und bei der Hochzeit des jungen Paares wird hinreißend getanzt. Dabei tun sich Jason Franklin (Choreografie), Gian Marco Meier, Maximo Marinelli und Gilberdan Verissimo Do Santos hervor, als sie dabei auch noch akrobatisch halbvolle Weinflaschen auf dem Kopf balancieren.

Stefan Veselka am Pult des Sinfonieorchesters Münster hat keinerlei Mühe, die Szenerie leicht und luftig mit den bekannten Melodien zu unterlegen. Es wird überzeugend und ohne übertriebenes Pathos solistisch gesungen, und der Chor (Einstudierung: Joseph Feigl) wirkt höchst präsent. Stehender Applaus im Großen Haus des Theaters Münster für alle Akteure und eine Inszenierung, die überzeugt und zugleich nachdenklich stimmt.

Nächste: Aufführungen: 20. und 31. Dezember

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