Die English Drama Group begeistert mit „Habeas Corpus“ in der Studiobühne
Zwischen Frust und Ekstase

Münster -

Was tut der Hausherr, was sieht die Putzfrau? Die English Drama Group zeigt ein englisches Theaterstück mit höheren Boulevard-Elementen.

Sonntag, 15.12.2019, 15:36 Uhr
Dr. Arthur Wicksteed (Richard Pollex) durchleuchtet die Absichten von Vikar Throbbing (Markus Heide). Mrs. Swabb (Annette van Bebber) sieht staunend zu.
Dr. Arthur Wicksteed (Richard Pollex) durchleuchtet die Absichten von Vikar Throbbing (Markus Heide). Mrs. Swabb (Annette van Bebber) sieht staunend zu. Foto: Uwe Rasch

Im viktorianischen England galt Haltung alles – und Moral nichts. Man gab sich prüde und frönte der Pornografie. In der englischen Komödie „Habeas Corpus“ (uraufgeführt im Jahr 1973) von Allan Bennett dagegen erscheint Sex als Sache für jedermann/frau, wähnen sich die Männer hier wie auch sonst als Experten. Der Titel des Stücks ist einem Gesetz von 1679 entlehnt, demzufolge in England der Körper die persönliche Integrität des Einzelnen symbolisiert. In der Studiobühne fand nun die Premiere des Stücks mit der English Drama Group statt (Regie: Iris Adamzick).

Ist Sex unmoralisch? Für die steif auf Stühlen aufgereihten „englischen Typen“ keine Frage: Nein! Die „Sexuelle Revolution“ der Sechziger hält auch Merry New England in Atem. Noch wahren sie englisches Understatement, starren streng ins Publikum, während ein spionierender Putzteufel (spitzzüngig: Annette van Bebber) mit Moulinex-Sauger statt Dreizack heiklen Familientratsch ausplaudert: Da ist Arthur Wicksteed als Herr des Hauses mit Haut und Haar herrischen Trieben hörig, hat(te) seine nymphomane Gattin Muriel eine Affäre mit Konkurrenten Sir Percy Shorter (distinguiert raffiniert: Uwe Rasch), Söhnchen Dennis (Frank Bon­czek) ’ne Schraube locker und Tochter Connie (erlösungssüchtig: Marina Reus) einen Busen-Komplex. Außerdem schleicht ein liebestoller Reverend (lüstern: Markus Heide) durchs Amouren-Gestrüpp und verpasst ein Selbstmörder (leichenblass: Konrad Stuhrmann) den Absprung.

Bald tummeln sich Gemeinplätze einer Boulevard-Farce kreuz und quer durchs fidele Geschehen: Verwechslungs- und Enttarnungsszenerien wie Jugendsünden im gnädigen Halbdunkel jagen zwischen „fun“ und „fake news“ über die Bühne. Kaum hat er ein Päckchen mit Brust-Attrappe geliefert, fällt der Bote (Henning Seidel) den entfesselten Attacken der Hausherrin anheim, wird per Spritze vom eifersüchtigen Nebenbuhler kaltgestellt, scheint es von sexueller Frustration bis Ekstase nur ein Katzensprung. Aus Blusen stechen Busen hervor wie Kanonenkugeln, die Kompanie synchronisiert Meeresrauschen, Nebelhorn und Möwengeschrei aus vielstimmigen Kehlen. Das Arzttöchterchen Felicity zieht als blondes Gift Begierden und Fantasien auf sich wie Honig die Bienen, und irgendwie gibt’s ein Happy End.

Es war ein Triumph präziser Regie und fabelhaften Ensemblespiels, Philine Bamberger als grandios explosive Muriel, der Charme von Luisa Jackwerth als zwielichtig-erotische Felicity betörend, herzerwärmend die rustikal-ironische Faun-Attitüde Richard Pollex’ als Arthur, Lady Rumpers hochhackige Distinktion durch Mirja Wenker von klassischer Noblesse. Nur der finale Walzer hätte einer Tanzstunde bedurft … Hinrei-ßend!

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