Georg Stefan Troller im Theater Münster
Verlorene Heimat immer gespürt

Münster -

Der Schriftsteller William Somerset Maugham erzählt ihm von seiner lange aus Furcht vor Ressentiments geheimgehaltenen Homosexualität. In der Küche des Pianisten Arthur Rubinstein rumort dessen Frau auffällig laut mit dem Geschirr, als dieser ihm erklärt, Musik wirke auf Frauen magisch. Charles Aznavour fragt er, warum alle seine Lieder so abgrundtief traurig sind. Und warum er nie bei Edith Piaf gelandet ist: Er war schlicht zu klein. Über Peter Handke sagt er: „Ich kann mit ihm.“ Wenn man nicht über Serbien spricht.

Freitag, 20.12.2019, 18:59 Uhr
Interviewer-Legende Georg Stefan Troller (l.) plauderte im Theater mit Bodo Witzke.
Interviewer-Legende Georg Stefan Troller (l.) plauderte im Theater mit Bodo Witzke. Foto: Wolfgang A. Müller

Der Schriftsteller William Somerset Maugham erzählt ihm von seiner lange aus Furcht vor Ressentiments geheimgehaltenen Homosexualität. In der Küche des Pianisten Arthur Rubinstein rumort dessen Frau auffällig laut mit dem Geschirr, als dieser ihm erklärt, Musik wirke auf Frauen magisch. Charles Aznavour fragt er, warum alle seine Lieder so abgrundtief traurig sind. Und warum er nie bei Edith Piaf gelandet ist: Er war schlicht zu klein. Über Peter Handke sagt er: „Ich kann mit ihm.“ Wenn man nicht über Serbien spricht.

Der Journalist und Dokumentarfilmer Georg Stefan Troller, jüngst rege 98 Jahre alt geworden, hat die Kunst des Interviews revolutioniert. Die Namen seiner mit ungewöhnlichen, persönlichen Fragen konfrontierten Gesprächspartner lesen sich pro forma wie ein „Who‘s Who“ des 20. Jahrhunderts. Für den Schöpfer der TV-Reihen „Pariser Journal“ und „Personenbeschreibung“, der sich als „immer noch schüchterner Typ“ charakterisiert, sind all diese Begegnungen mehr: „Bausteine des eigenen Lebens“, ein Lernen am Anderen in einem fortlaufenden Prozess der Selbsterkenntnis. Neue Filme produziert er nicht mehr. Aber Bücher, mit tiefgründigen Betrachtungen über das alte Paris, gespeist von Fotos, die 50 Jahre in einem vergessenen Karton schlummerten. Oder der Interview-Band „Liebe, Lust und Abenteuer“, der zeigen soll, „was man sich alles zutrauen darf“.

Im Kleinen Haus des Theaters hängt das Publikum gleichsam an Trollers Lippen, die Reminiszenzen, Anekdoten und Skizzen Prominenter sowie die eigene Lebensgeschichte mit einer beispiellosen, humorvollen Nonchalance preisgeben. Im Gespräch mit seinem Freund und Kollegen Bodo Witzke legt der Wahl-Pariser, Sohn eines jüdischen Wiener Pelzhändlers, der 1938 vor den Nazis über Frankreich in die USA floh und als alliierter Soldat nach Europa zurückkehrte, offenherzig und pointiert die Motivation hinter seinem Durchleuchtungswerk frei: Das Überleben mit einem Gefühl der Entwurzelung. „Verlorene Heimat habe ich immer gespürt.“ Als Troller und Witzke sich zum Abschied erheben, steht auch der ganze Saal zu wogendem herzlichen Applaus auf. Ein Abend, eine Begegnung, die man nicht vergisst.

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