Das Jazzfest „Shortcut“ in Münster
Musikstücke wie Gedichte und Klangmotive der Kelten

Münster -

Drei Formationen an einem Abend: Das Konzert „Shortcut“ als kleine Ausgabe des Internationalen Jazzfestivals Münster war ein voller Erfolg.

Montag, 06.01.2020, 16:30 Uhr
Frans Petter Eldh bildete am Kontrabass das Gravitationszentrum für seine Bandkollegen.
Frans Petter Eldh bildete am Kontrabass das Gravitationszentrum für seine Bandkollegen.

Erstaunlich. Eigentlich bewegt er sich kaum vom Fleck – und doch ringt Frans Petter Eldh regelrecht um Luft, als er seine Formation „Koma Saxo“ am Sonntagabend beim Internationalen Jazzfestival „Shortcut“ in Münster vorstellt. Jeder Zuhörer im ausverkauften Theater kann in diesen Momenten nachvollziehen, dass der Kontrabassist des Quintetts Schwerstarbeit leistet. In beeindruckendem Tempo und mit fesselnder Energie zupft und traktiert der schwedische Bandleader seinen Bass, mit dem er gleichsam ein Gravitationszentrum für seine vier Bandkollegen erzeugt, die ihn wie Trabanten auf ständig wechselnden Umlaufbahnen umkreisen.

Drei Saxofonisten – jeder mit einem eigenen Stil, eigenem Ton und eigenen Ideen – erzeugen dabei ein enorm aufgeladenes Spannungsfeld. Forsch, treibend, ausladend bläst der Finne Mikko Innanen Alt-, Bariton- und Sopransaxofon. Saxofonist Jonas Kullhammar lässt sich da gerne mitziehen. Derweil experimentiert Otis Sandsjö als Dritter mit Obertönen und Blastechniken, lässt seine Motive so klingen, als würden sie rückwärts ablaufen. Dem Berliner Ausnahme-Schlagzeuger Christian Lillinger lässt dieses dichte Konstrukt noch überraschend viel Luft für seine vielschichtige, farbenfrohe Variation der Kompositionen. Mit so viel Präsenz, Ausdruck und Ideenreichtum drückt „Koma Saxo“ diesem Festivaltag seinen Stempel auf: eine bravouröse Jazz-Offenbarung aus Nordeuropa.

Eine Pause hilft, um A bstand zu gewinnen: Denn mit der Trompeterin Arielle Besson und Lionel Suarez am Akkordeon erwartet das Publikum eine völlig andere Spielart. Fast lyrisch wie kleine Gedichte muten die meist kurzen Kompositionen des französischen Duos an. Meist raumfüllend, immer temperamentvoll lässt das Akkordeon anfangs nur wenig Luft für Bessons mal quirlig, mal balladesk darüber schwebende Trompete. Beeindruckend der warme Klang, bei dem Besson körperlich mit ihrem Instrument zu verschmelzen scheint. Wenn Suarez zu dominant wird, übertrumpft sie ihn mit ihrer faszinierenden Virtuosität. In ihren an Harmonie und Eleganz ausgerichteten Stücken stoßen beide indes an die Grenzen der Variationsmöglichkeiten, auch weil das Spektrum der Klangfarben eingeschränkt ist.

Wieder Pause, wieder hilfreich: Denn der künstlerische Leiter Fritz Schmücker hat ans Ende es „kleinen“ Jazz-Festivals die Formation „Pipe Dream“ des italienischen Posaunisten Filippo Vignato als weiteren Kon­trast gesetzt. Weniger die Improvisation und das freie Spiel der Kräfte, dafür ein geschlossener Klangkosmos fein abgestimmter Arrangements stehen für das Konzept des Quintetts. Es verarbeitet Elemente des Progressive Folk zu einer enormen Klangfülle, stets unterfüttert von in die Füße fahrenden Lounge-Grooves von Schlagzeuger Zeno De Rossi.

Im Zentrum stehen Stücke des amerikanischen Cellisten und Sängers Hank Roberts, der akustisch ironischerweise oft zwischen Pasquale Mirras Vibrafon und Giorgio Pacorigs Klavier untergeht. Afrikanische, nordamerikanische und auch keltische Motive durchziehen die dichten Arrangements, in denen besonders Vibrafon und Posaune die Kontraste schaffen. Und immer wieder Roberts, der sein Cello rocken lässt oder im Duett mit der Posaune singt. Für das fasziniert zuhörende Publikum ist auch das eine Entdeckung. Nichts anderes hat Schmücker versprochen.

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