Live-Performance „Ton und Linie“
Wenn Geschriebenes singt

Münster -

Die Wirklichkeit ist ein Wunder – und eine irgendeine zufällige genetische Koppelung hat dem Menschen die Fähigkeit zu Erkenntnis verliehen. Zu deren Innersten zählt die des (Hin-)Hörens, der Musik – wie der Welt alltäglicher Geräusche. Die Live-Performance „Ton und Linie“ der Musikforscherin Mirijam Streibl und „Schrift-Gestalterin“ Brigitte Borchers lässt sogar Geschriebenes singen.

Montag, 13.01.2020, 10:16 Uhr
Musikforscherin Mirijam Streibl stand bei der Performance allein am Computer
Musikforscherin Mirijam Streibl stand bei der Performance allein am Computer Foto: Moseler

Kalligrafische Zeichen und Linien, scheinbar asiatischen Schriftzeichen wie dem Chinesischen oder Japanischen zugehörig, erscheinen nach Klang und Sound an Notebook und Miniaturtastatur auf einer senkrecht entfalteten Papierrolle gezeichnet: Schrift wird zum seismographischen Ariadnefaden für eine Landkarte der Musik.

Da Brigitte Borchers erkrankt war, übernahm Co-Künstlerin Mirijam Streibl das musikalische Solo, eine beschriebene Papierrolle aus dem letzten Konzert hinter sich. Das Imaginäre im Kosmos der Klänge wirkte umso suggestiver, schien der Anteil am Entstehungsprozess des „Deep-Listening“ (Borchers), dem Meditativen nicht ganz unähnlich, sich auf winzigste Spurenelemente – vielleicht sein spirituelles Axiom – des Hörbaren konzentrieren zu können. Da erklang etwas wie das ostinate Windspiel einer Ladentür, fiel in deren gläserne Klänge plötzlich ein großer Tropfen bleischwer in eine Schüssel, fädelte sich eine Dur-Terz in ein Meeresrauschen ein, das als rauschender Cantus firmus die Klangcollage begleitete. Die Wellengischt erschien als akustisches Sinnbild unendlicher Klangvielfalt unendlicher Klänge und der Alltag als unendliches Abenteuer des Hörens. Repetitionen auf der Tastatur schienen Hall und Widerhall in einer Tropfsteinhöhle zu synchronisieren – die Brigitte Borchers als „Höhle auf Island“ verortete – während sich das Heran- und Abrollen der Meereswellen zum Hintergrundrauschen aller Welt verwandelte.

Die Leuchttastatur des Umwandlers warf auf Borchers Fingerkuppen rote, grüne und blaue Schatten, man hörte Schritte auf Straßenpflaster, eine Regenrinne hielt nicht dicht und in den polyphonen Geräusche-Kosmos mischten sich Melodie, Harmonie und Dissonanz. Die Schriftzeichen schienen es festzuhalten, gerade das Fragile und Rätselhafte von Chaos und Struktur. So blieben Sound und Schrift als Gegenbilder von konkreter und abstrakter Sinnlichkeit aufeinander verwiesen – als grandioses Rätsel hinterm Alltäglichen.

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