Ein Leichtmatrose am Landgericht
Andreas Stitz ist Musiker und Bewährungshelfer

Münster -

In der Brust von Andreas Stitz schlagen zwei Herzen. Der Münsteraner ist Sänger der Rock- und Wave-Band Leichtmatrose – und verbeamteter Bewährungshelfer am Landgericht Münster. Über einen Mann der zweiten Chancen:

Sonntag, 02.02.2020, 16:00 Uhr aktualisiert: 02.02.2020, 16:39 Uhr
Andreas Stitz arbeitet hauptberuflich als Bewährungshelfer am Amts- und am Landgericht Münster
Andreas Stitz arbeitet hauptberuflich als Bewährungshelfer am Amts- und am Landgericht Münster. Foto: pesa

„Shalom chaverim – wir beide gehen Hand in Hand. Le hitraot – in das gelobte Land. Shalom chaverim – wir laufen durch das Minenfeld und teilen uns die Welt. Ich werde dich immer lieben mein Feind – das ist mein größter Sieg.“ Tiefgehende Texte wie in dem Politsong „Jerusalem“ und packende Melodien zwischen Rock, Elektro-Chanson und Wave prägen die Band Leichtmatrose aus Münster. Das aktuelle Album „Heile Welt“ hat die Kritiker begeistert und schnellte schon kurz nach Erscheinen auf Platz eins der Deutschen Alternative Charts. Damit verwies „Heile Welt“ sogar internationale Größen wie Muse und Smashing Pumpkins auf die Plätze.

Doch das war ein langer Weg. Das Cover eines Albums von Marc Almond brachte Andreas Stitz 2007 auf die Idee, das musikalische Soloprojekt Leichtmatrose zu starten. Zuvor hatte er als Bassist in verschiedenen Bands gespielt. Mittlerweile sind vier Leichtmatrose-Alben entstanden. „Die Songs entstehen immer noch so wie früher“, sagt Stitz im Gespräch.

„Erst habe ich die Hookline (Refrain) und dann entwickele ich den Text daraus“. Am Besten einen, der in den Köpfen der Zuhörer bleibt. „Vor allem aber dienen unsere Botschaften als Weckruf. Wir möchten, dass die Menschen mehr auf sich und die Welt achtgeben“, erläutert Andreas Stitz. Er singt frech, frivol und feingeistig, mit Herzblut, Melancholie und Kampfgeist und entwickelt – fast nebenher –auch Ohrwürmer wie den Sehnsuchts-Song „Raumpatrouille“,in dem es heißt: „Ich schwebe hier im Universum, und keiner stört und nimmt mir was krumm.“

Authentisch bleiben

In den Videos gibt Leichtmatrose Stitz mal den zügellosen Lebemann mit Zylinder und Gehstock, mal den melancholischen Romantiker. Oder wie jetzt aktuell in dem Lied „Das Schicksal kann ein mieses Arschloch sein“ ein von seinem Unterbewusstsein getriebenes Wesen. Es sind diese Extreme, die das Leben des Münsteraners prägen. Auf der Bühne und vor den Videokameras ist er ein wahrer Berserker, der die Songs mit viel Empathie lebt und für ordentlich Stimmung sorgt.

Deutlich ruhiger agiert Andreas Stitz, Vater zweier Kinder, dagegen in seinem Hauptberuf. Als Bewährungshelfer für das Amts- sowie das Landgericht in Münster geht er stets sehr überlegt und diszipliniert vor. „Wichtig ist es mir, authentisch zu sein. Nur so bekomme ich einen guten Draht zu meinen Probanden, also zu den Menschen, die mir als Bewährungshelfer anvertraut werden.“

Und da auch er authentisch bleiben will, geht er mit wilder Haartolle und ­Lederhose nicht nur auf die Bühne, sondern auch zur Arbeit. Als Oberinspektor der Justiz geht es ihm um Gerechtigkeit und Fairness, um Objektivität und um die Geschichte hinter der Geschichte. „Es geht mir darum, zu hinter­fragen, was schlussendlich zur Tat geführt hat“, erläutert Stitz. „Da gibt es viele Ursachen:familiäre, berufliche und gesundheitliche Schicksalsschläge oder auch nur falsche Bekanntschaften.“

Zweite Chancen geben

Eine authentische Resozialisierung ist das große Arbeitsziel des Bewährungshelfers. Er findet: „Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient.“ Dabei bringe es aber gar nichts, gegen Mauern zu rennen. „Wenn man die eigenen Ressourcen des jeweiligen Probanden fördert, klappt die Resozialisierung am besten, denn dann fühlt er sich auch richtig wahrgenommen.“ Das Einzige, was ihn an seiner Arbeit als Bewährungshelfer stört, ist die Bürokratie – „die wächst und wächst“.

Das Gemeinsame ist das gute Gefühl, Menschen helfen zu können.

Andreas Stitz

Andreas Stitz ist selbst ein Mann der zweiten Chancen. Als Streetworker für die Aids-Hilfe Münster und Mitarbeiter der Drogenberatung kam der Diplom-Sozialpädagoge 2001 über eine Empfehlung eher zufällig an den Job des Bewährungshelfers. Und auch musikalisch war es eher ein Umweg: Die ersten Lieder entstanden, als Leichtmatrose noch ein Soloprojekt war. 2007 nahm dann Joachim Witt Kontakt zu An­dreas Stitz auf, als dieser die Leichtmatrosen-Songs auf einer Internetplattform gehört hatte. Witt stellte Kontakt zu Plattenfirmen her – und ist bis heute Förderer und Freund.

Den Menschen helfen

Das gemeinsame Anti-Kriegs-Duett „Hier drüben im Graben“ wurde zu einem Internet-Hit und sorgt live noch immer für Gänsehaut-Momente, sagt Stitz: „Die Leute sind begeistert, in Tränen aufgelöst. Sie erzählen von ihren Großeltern und was der Song in ihren auslöst.“ Andreas Stitz hat Zivildienst geleistet, bei den Ambulanten Diensten in Münster Schwerbehinderte betreut: „Ich war immer Pazifist, habe aber immer auch Respekt vor den Soldaten, die ihr Leben weltweit aufs Spiel setzen.“

Die Band Leichtmatrose besteht neben Stitz aus Thomas Fest, Ex-Scooter-Keyboarder Rick J. Jordan und Schlagzeuger Tom Günzel. Bei vier Albumsongs saß sogar Simple-Minds-Mitglied Mel Gaynor an den Drums. Die Band nimmt aktuelle gesellschaftliche Themen ebenso mit an Bord wie Zwischenmenschliches. Im Zentrum steht oft eine Frage: „Sind wir nicht oft selbst unser schärfster Gegner, unser geliebter Feind?“ Und da gibt es auch Parallelen zu seiner Arbeit in der Justiz, sagt Stitz: „Das Gemeinsame ist das gute Gefühl, Menschen helfen zu können. Das treibt mich an.“

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