Revolutionen
Forscher: Massenproteste führen fast nie zum Machtwechsel

Münster -

Massenproteste gibt es häufig – zum Machtwechsel führen sie meist nie, sagt der Wissenschaftler Thomas Apolte aus Münster. Und hat dazu eine überraschende Prognose für die Zukunft parat.

Montag, 03.02.2020, 09:40 Uhr aktualisiert: 03.02.2020, 09:44 Uhr
Umstürze nach Massenprotesten sind eher die absolute Ausnahme, sagt Prof. Thomas Apolte. In der Regel führen Großdemonstrationen zu nicjhts. Eine der seltenen Ausnahmen: Die Proteste 1989, die Deutschland am Ende die Wiedervereinigung bescherte.
Umstürze nach Massenprotesten sind eher die absolute Ausnahme, sagt Prof. Thomas Apolte. In der Regel führen Großdemonstrationen zu nicjhts. Eine der seltenen Ausnahmen: Die Proteste 1989, die Deutschland am Ende die Wiedervereinigung bescherte. Foto: Wilfried Gerharz

Das Wort von der Revolution klingt erhaben, weil es positive Bilder produziert. Der Ruf nach Freiheit, der Aufstand der Unterdrückten, ein Systemwechsel hin zum Besseren. All das hört sich gut an gut, hat aber einen Haken: Im wahren Leben findet es eigentlich so nicht statt. Massenproteste, sagt Prof. Thomas Apolte, haben so gut wie nie zum Austausch der politischen Führung geführt. Natürlich gibt es gegenteilige Beispiele. Die Wende 1989, die Deutschland die Einheit bescherte und der Sowjet-Union den Untergang, ist so ein Beispiel. Oder der Sudan, wo 2019 das Regime nach Massenprotesten kollabierte. Gleichwohl sind es eher Ausnahmen, sie verzerren das Bild.

Der Leiter des Lehrstuhls für Ökonomische Politikanalyse an der Uni Münster hat die Geschichte von Revolutionen erforscht und ein Buch darüber geschrieben. „Der Mythos der Revolution“ heißt er. Der Titel ist vielsagend. 

Verblüffende Ergebnisse

Als Ökonom ist Apolte ein Mann der Zahlen, Statistiken und Berechnungen. So hat er sich auch dem Politischen genähert. Mit verblüffenden Ergebnissen. Der Professor kann nun berechnen, mit welcher Wahrscheinlichkeit revolutionäre Ereignisse eintreten – beispielsweise, dass „Massenproteste die Wahrscheinlichkeit eines Loyalitätswechsels um bis zu 20 Prozent erhöhen“.

Gezählt hatten auch schon andere. So haben Politikwissenschaftler in 188 Ländern alle Machtwechsel zwischen 1875 und 2004 untersucht – in der Summe waren es 3025. „In lediglich 1,7 Prozent der Fälle waren Massenproteste der Auslöser“, sagt Apolte. Die Machtlosigkeit des Volkes zeigt sich noch an einer anderen Zahl. Von den weltweit 197 Ländern sind 107 nicht demokratisch.

Die Ergebnisse sind verblüffend. Weil sie der traditionellen Revolutionstheorie zuwider laufen. Danach haben die ausgebeuteten Massen nichts zu verlieren, außer ihren Ketten, sagte einst Marx. Erschwerend hinzukommt, dass es einen nachweislichen Zusammenhang zwischen Demokratie und Wohlstand gibt, sagt der 59 Jahre alte Wissenschaftler. Folglich müsste die Aussicht auf einen höheren Lebensstandard wie ein Revolutionskatalysator wirken.

Was braucht es für eine erfolgreiche Revolution?

Apolte hat daraus zwei Fragen abgeleitet: Was braucht es für eine erfolgreiche Revolution? Und: Woran liegt es, dass sie meist nicht klappt? Die erste Frage ist in der Theorie einfach zu beantworten. „Sie müssen genügend Menschen auf die Straße bekommen, die Sicherheitskräfte müssen die Seiten wechseln, danach bricht das System zusammen und sie können etwas Neues aufbauen.“

Beim zweiten Punkt aber wird’s heikel, weil das Ergebnis kaum erklär- oder prognostizierbar ist: Ob die Zahl der Demonstranten ausreicht, um eine kritische Masse zu erreichen, hängt nämlich auch vom Faktor Zufall ab. Das Gleiche gilt natürlich auch für die Frage, ob und wann Polizisten und Soldaten überlaufen.

Für Apolte steckt hinter dieser Frage ein klassisches Henne-Ei-Problem. Sind große Massen auf der Straße, kann man sich ihnen relativ gefahrlos anschließen. In ei­ner Diktatur der erste De­monstrant zu sein, birgt hingegen große Gefahren. Folglich ist es für den Einzelnen viel vernünftiger, andere ei­ne Revolution beginnen zu lassen. Verhalten sich alle so, passiert gar nichts.

Wie es zu Massenbewegungen kommt

Wieso kommt es dann aber trotzdem zu Massenbewegungen, wie aktuell in Hongkong oder dem Iran oder Venezuela? Apolte bietet hier zwei Ansätze: Die führenden Köpfe eines Regimes sind uneins über den Grad der Unterdrückung oder eine Diktatur fühlt sich zu sicher und lockert die Zügel kurzzeitig wie beispielsweise in China vor 1989. Auch Massenproteste führen jedoch zu nichts, wenn der Sicherheitsapparat weiterhin loyal zum System steht – wie eben 1989 in China. Und selbst wenn beides klappt, ist meistens ein schlechteres Regime die Folge und kein demokratisches System. Von den 28 osteuropäischen Ländern, deren Regierungen nach 1989 aus den Ämtern gespült wurden, bezeichnet die Nichtregierungsorganisation Freedom House heute gerade einmal zwölf als „frei“.

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