Weitere Betroffene gesucht
Opfer von sexueller Gewalt möchte Interessenvertretung gründen

Münster -

Als Kind machte Gabriele Grothaus-Schreiber die leidvolle Erfahrung sexueller Gewalt. Heute möchte sie anderen Betroffenen helfen, in dem sie eine Interessenvertretung gründet, die als Sprachrohr fungieren soll.

Mittwoch, 05.02.2020, 06:50 Uhr aktualisiert: 05.02.2020, 06:57 Uhr
Es sind häufig nicht die Fremden, die überwiegende Zahl der Fälle sexueller Gewalt tritt in Familien auf. Gabriele Grothaus-Schreiber möchte den Betroffenen helfen und sich für sie einmischen.
Es sind häufig nicht die Fremden, die überwiegende Zahl der Fälle sexueller Gewalt tritt in Familien auf. Gabriele Grothaus-Schreiber möchte den Betroffenen helfen und sich für sie einmischen. Foto: Björn Meyer

Angefangen hatte alles, als die heute 54-jährige Gabriele Grothaus-Schreiber Grundschülerin war. Sie wurde Opfer von sexueller Gewalt. Nicht durch irgendwen, der Täter, verrät sie heute, war ihr Vater. Das Martyrium dauerte Jahre, erst im Alter von 13 oder 14 Jahren, so genau weiß sie das nicht mehr, konnte sie sich daraus befreien. Danach dauerte es Jahrzehnte, bis Grothaus-Schreiber in der Lage war, offen über dieses Thema zu reden. Seitdem sie es kann, will sie mehr.

Doch auf ihrer Suche nach einer Möglichkeit, sich einzubringen, stellte sich heraus, dass es das, was sie suchte, gar nicht gab. Mit Unterstützung der Selbsthilfe-Kontaktstelle „Der Paritätische“ in Münster, möchte die heute in Greven lebende Leiterin eines Jugendzentrums daher nun eine Interessenvertretung gründen, die als Sprachrohr für und von Betroffenen sexueller Gewalt in der Familie fungieren soll.

Angst in geschlossenen Räumen

„Die staatliche Hilfe ist überfordert und nicht mehr zeitgemäß“, sagt Grothaus-Schreiber. Bei diesem Thema steigt die Wut in ihr auf, weil sie weiß, mit was für unterschiedlichen Folgen Opfer sexueller Gewalt leben müssen. Wie schwer es ist, daran nicht zu zerbrechen. „Statistisch muss ein Kind sieben Mal von seinem Missbrauch erzählen, bis etwas passiert“, sagt Grothaus-Schreiber. Und wenn dann etwas passiere, dann würden die Kinder häufig schnell so alleine gelassen, dass sie gar keine andere Wahl hätten, als wieder zu ihren Familien zurückzugehen.

Die Folgen seien ebenso gravierend, wie unterschätzt. Jahrelang habe sie die vielen Dinge, unter denen sie im Alltag zu leiden hatte, häufig selbst therapiert. Ihre Panikattacken, die Angst in geschlossenen Räumen. „Ich konnte nicht spontan sein, brauchte immer ein Gerüst“, beschreibt sie ihre Ängste. Bei einem Gespräch mit der Unabhängigen Kommission zur Aufklärung sexuellen Kindesmissbrauchs habe sie dann ihre Ketten gesprengt. „Ketten, von denen ich nicht mal wusste, das ich sie um mich hatte“, fasst Grothaus-Schreiber zusammen. Doch all die Jahre mit diesem Geheimnis leben zu müssen, das mache etwas mit einem. „Man hängt immer hinterher“, sagt Grothaus-Schreiber. Emotional und daraus bedingt häufig auch wirtschaftlich.

Hilfe individueller gestalten

Das hält Gabriele Grothaus-Schreiber für ungerecht, Strukturen zudem für überaltert. Der eingerichtete Entschädigungsfonds etwa unterstütze nur die klassischen Therapien. „Ich kann mich also drei Jahre für 10.000 Euro therapieren lassen, für 150 Euro in eine Gondel steigen, kann ich aber nicht – egal, ob mir das hilft, meine Angst zu besiegen.“

Um Hilfe individueller gestalten zu können, möchte Grothaus-Schreiber sich einmischen – im besten Sinne des Wortes. Damit Missbrauchsopfer möglichst früh die Chance erhalten, die eigenen Ketten zu sprengen und zu erkennen: „Dass das Leben auch gut sein kann“, so Grothaus-Schreiber.

Zur Gründung einer Interessenvertretung für Betroffene sexueller Gewalt in Familien sucht Gabriele Grothaus-Schreiber nach weiteren Menschen mit Betroffenenkompetenz. Bei Interesse kann man sich bei ihr unter trotzallem@t-online.de oder dem Paritätischen unter 0251 / 60933230 melden.

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