Olga Pona und das Chelyabinsk Contemporary Dance Theatre im Pumpenhaus
Ästhetik gegen die Hektik der Welt

Münster -

Kann man dem „Höher, Schneller, Weiter“ mit Ästhetik entkommen? Olga Pona und ihre Tänzer versuchen es. Mitunter sehr erfolgreich.

Sonntag, 23.02.2020, 16:02 Uhr
Auch aus verwirrenden Bildern finden die Tänzer immer wieder zur ursprünglichen Schönheit zurück.
Auch aus verwirrenden Bildern finden die Tänzer immer wieder zur ursprünglichen Schönheit zurück. Foto: Gleb Makhnev

Das Video auf der Rückwand zeigt ein Geflecht aus Straßen, über die Autos rasen. Aus dieser hektisch wirkenden Szenerie heraus kommen die Tänzerinnen und Tänzer auf die Bühne. Paarweise ordnen sie sich an, nehmen in weichen Pas de deux miteinander Kontakt auf, wenden sich mit großer Aufmerksamkeit einander zu, als wollten sie der Hektik der Welt die Schönheit des Tanzes entgegensetzen.

In ihrer neuen Produktion „Running“, die am Wochenende als Europapremiere im Pumpenhaus zu sehen war, beschäftigen sich Olga Pona und das Chelyabinsk Contemporary Dance Theatre einmal mehr mit den Erscheinungen der modernen Welt. Waren es in früheren Arbeiten die gesellschaftlichen Veränderungen in Russland, ist es jetzt das beständige Höher, Schneller und Weiter, auf das sie mit ihrer Choreografie reagieren.

Es sind ausdrucksstarke Bilder, die das zwölfköpfige Ensemble in komplexen Gruppenszenen, Paartänzen und Soli auf die Bühne bringt. Wie in meditativer Versunkenheit bewegen sich die Tänzerinnen und Tänzer zur Endlosspirale einer Videoeinblendung. Später zeigt der Film Hirsche, die durch eine verschneite Landschaft laufen – auch dies ein meditatives Bild, das im Tanz seine Entsprechung findet, wenn die Frauen von den Männern sanft angehoben und wie etwas Schützenswertes über die Bühne getragen werden.

Ästhetik ist hier ein Mittel, der Hektik der Welt zu begegnen. Sie hilft aber nicht, ihr ganz zu entgehen. Das wird immer wieder deutlich, wenn sie sich als Störfaktor in den Tanz einschleicht. Dann verknäueln sich die Protagonisten und verfangen sich in selbst gefertigten Netzen aus Armen und Beinen, die zu entwirren ihnen große Energie abverlangt. Doch am Ende finden sie durch den Tanz auch immer wieder zu sich selbst und zur Schönheit zurück – dergestalt, dass sogar Breakdance-Einlagen wie aus dem Repertoire des klassischen Balletts wirken.

Nicht nur dramaturgisch, auch technisch überzeugt das Stück. Selbst in schwierigen Passagen legt die Kompanie große Perfektion an den Tag. Man sieht Frauen wie kleine Tiere über die Bühne wuseln, Männer, die sich in fragiler Balance halten. In einer Szene legt ein Tänzer seine Kopf an die Brust einer Tänzerin und fließt dann sanft wie ein Wassertropfen an ihrem Körper herab.

Und wenn sich die sechs Paare am Ende still und innig umarmen, scheinen sie die Hektik des Lebens doch noch überwunden zu haben. Zumindest für eine kurze Zeit.

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