„Previously loved“ im Kammertheater Kleiner Bühnenboden
Objekte der Erinnerung

Münster -

Was sich im Second-Hand-Laden findet, ist womöglich nicht nur schön oder nützlich. Sondern erzählt Geschichten von den früheren Besitzern. Wenn Künstler die Objekte zum Sprechen bringen.

Sonntag, 01.03.2020, 17:12 Uhr
Zwei Frauen spüren den Geschichten nach, die sich hinter ehemals geliebten Gegenständen verbergen.
Zwei Frauen spüren den Geschichten nach, die sich hinter ehemals geliebten Gegenständen verbergen. Foto: Wolfgang A. Müller

Stumm und leblos stehen sie da. Doch Dinge aus zweiter Hand können eine Menge erzählen. Für die Niederländerin Monique van Hinte und das Duo randomTRIGGER sind sie „Vehikel für Geschichten“, die sie in ihrer faszinierenden Performance „Previously loved“ aufspüren.

Diverse Alltagsgegenstände, aufgegabelt in einem münsterschen Second-Hand-Laden, haben die Künstler an der hinteren Wand im Kleinen Bühnenboden aufgereiht. Es ist das typische Allerlei, das in diesen Geschäften eine zweite und bestenfalls vorübergehende Heimat findet: Geschirr, Bilder, Kleidung, Schallplatten, Fotos, ein Koffer, Lampen, Mobiliar. Jedes Stück, das die Schauspielerin Silvia Munzón López, die mit dem Komponisten und Klangkünstler Ralf Haarmann das Label randomTRIGGER bildet, dem Publikum präsentiert, ist auf seine Weise einmalig. Ob handgearbeitete Tischdecke, eine mit Filzstift beschriebene Blechtrommel oder ein Bierglas aus Massenfertigung: Sie alle bergen eine individuelle Geschichte ihrer Produktion und ihres Erwerbs, vor allem aber ihres Gebrauchs. Dieser hat unweigerlich Spuren hinterlassen. Und zwar wechselseitig, in den Objekten und im Leben derer, die sie handhabten und denen sie etwas bedeuteten: als Symbole des Zuhauses, als Andenken an Personen, Momente, mithin „an die flüchtige Schönheit unseres Lebens“.

Im Kleinen Bühnenboden arrangieren die Künstler aus den Fundsachen einen neuen Haushalt. Eine ideelle und doch konkrete Wohnung auf Zeit, in der verrauschte Schlager-Singles aufgelegt und elegante Garderoben ausprobiert werden. López dirigiert van Hinte mit einer auf einer Schallplattenhülle abgedruckten Rumba-Tanzanleitung. Haarmann nutzt Porzellanhauben eines Leuchters als Klangschalen, sampelt das Auf- und Zuklappen des Koffers, das Schnappen der Gurte oder das Scheppern des Geschirrs. Aus diesen Geräuschen, oft verfremdet, arrangiert er eigentümliche Musik, einen Gesang der Objekte und des Ambientes. „Hier kalt ohne Mantel. Herzliche Grüße, Werner“, liest López von einer Postkarte aus Italien ab, und plötzlich ist ein Individuum schemenhaft gegenwärtig. Wie auch auf den Schwarz-Weiß-Fotos, mit denen van Hinte durch die Reihen geht. Der Transzendenzbegriff der Händler, die in Einspielungen zu Wort kommen, und die Logik des Marktes sind weniger sentimental: „Das Porzellan ist noch gut. Das kann nach vorne in den Verkauf.“ Zu einem gespenstisch leiernden „Schön war die Zeit“ wird die Bühne geräumt. Es bleibt: die Erinnerung.

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