VHS-Diskussion zu „In Würde sterben“
Der Tod ist ein Thema

Münster -

Was folgt nach dem Urteil des Bundesverfassungsgericht zu selbstbestimmtem Sterben? Auf Einladung der VHS diskutierten am Montag vier Experten zu dem Thema – mit ganz unterschiedlichen Standpunkten.

Dienstag, 03.03.2020, 20:00 Uhr aktualisiert: 03.03.2020, 20:06 Uhr
Prof. Thomas Gutmann (2.v.l.), Prof. Monika Bobbert (3.v.l.), Ulrike Hofmeister (2.v.r.) und Prof. Michael Quante diskutierten unter der Moderation von Andrea Benstein (M.) miteinander. Eingeladen hatte die VHS, vertreten durch Anna Ringbeck (3.v.r.). Stadtdirektor Thomas Paal (l.) führte in die Thematik ein.
Prof. Thomas Gutmann (2.v.l.), Prof. Monika Bobbert (3.v.l.), Ulrike Hofmeister (2.v.r.) und Prof. Michael Quante diskutierten unter der Moderation von Andrea Benstein (M.) miteinander. Eingeladen hatte die VHS, vertreten durch Anna Ringbeck (3.v.r.). Stadtdirektor Thomas Paal (l.) führte in die Thematik ein. Foto: Matthias Ahlke

Es braucht am Montagabend nicht mehr als das Eingangsstatement jedes Teilnehmers, da wird es bei der VHS-Podiumsdiskussion im Rathausfestsaal bereits emotional. „In Würde sterben“ ist die Veranstaltung überschrieben. Keine Woche nach dem Urteil des Bundesverfassungsgericht, das ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben sieht und die geschäftsmäßige Sterbehilfe erlaubt, könnte das Thema aktueller nicht sein.

Als Professor Dr. Michael Quante, der an der Westfälischen Wilhelms-Universität die Professur für praktische Philosophie innehat, das Wort erteilt wird, dauert es nicht lange, bis der 57-Jährige eine Kontraposition zu seiner Vorrednerin, Prof. Dr. Monika Bobbert (Direktorin des Seminars für Moraltheologie), einnimmt. Bobbert hat soeben geäußert, dass sie starke Zweifel daran habe, ob Außenstehende eine „Lebenssattheit“ anderer beurteilen könnten. Und auch was die Beweggründe eines Suizids angehe, seien sich die Experten uneins. So würde ein Teil diesen stets und ausschließlich als psychische Erkrankung ansehen.

Einschränkung des Grundrechts

Quante will das so nicht stehen lassen. Er sehe keinerlei Beleg für diesen Ansatz. Jemandem das selbstbestimmte Sterben in gewissen Fällen zu verweigern, entmündige die Menschen aus seiner Sicht. „Ein Grundrecht einzuschränken, weil es schwere Fälle gibt, das halte ich für nicht akzeptabel.“

Beide Diskussionsteilnehmer werden ihre Sichtweisen an diesem Abend noch präzisieren, der Dissens aber bleibt.

Dabei ist Bobbert erkennbar die einzige Teilnehmerin des Quartetts auf der Bühne, die sich nicht positiv hinsichtlich des Urteils des Bundesverfassungsgerichts äußert. Dr. Ulrike Hofmeister, medizinische Leitung des Palliativnetzes Münster, gibt dagegen an, „sehr erleichtert“ ob des Urteils zu sein. Prof. Dr. Thomas Gutmann, Professor für Bürgerliches Recht, befindet, das Bundesverfassungsgericht habe eine strukturelle Unaufrichtigkeit der vergangenen Jahrzehnte weggewischt. Und Quante sieht „eine historisch einmalige Situation“.

Wir haben die Probleme, weil Ärzte ihrer Aufgabe nicht nachkommen.

Prof. Dr. Thomas Gutmann

Wie diffizil das Thema aber auch nach dem Urteil ist – oder gerade deswegen – zeigt sich nicht zuletzt daran, dass auch die Befürworter des Urteils in verschiedenen Punkten nicht nur uneins sind, sondern meilenweit auseinanderliegen. Jurist Gutmann etwa sieht in einer Stellungnahme der Ärzteschaft, dass das Sterben nicht in den Aufgabenbereich der Ärzte falle, einen „moralischen Skandal“. „Das ist sogar einer der Kernbereiche der ärztlichen Aufgaben“, sagt Gutmann und fügt hinzu: „Wir haben die Probleme, weil Ärzte ihrer Aufgabe nicht nachkommen.“ Quante dagegen betont mehrfach, dass es aus seiner Sicht ein gesamtgesellschaftliches Problem sei, dass man nicht auf die Ärzte oder den Gesetzgeber abwälzen könne. „Wir müssen da alle dran mitarbeiten.“ Er schiebt zudem hinterher, dass es natürlich Irrtümer geben könne und werde: „Der erste Fehler aber ist schon, wenn man die Sache in ein Regelwerk pressen will“ – man brauche Einzelfallentscheidungen.

Laut Ulrike Hofmeister gilt es bei der gesamten Diskussion immer eines im Hinterkopf zu behalten: Es sei nicht zu erwarten, dass plötzlich eine große Zahl von Menschen per assistiertem Suizid sterben wolle. In ihrer Zeit als Palliativmedizinerin habe sie nur wenige Fälle erlebt, und immer sei es möglich gewesen, diese letztlich anders aufzufangen.

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