Theater Münster zeigt „Effi Briest“
Erst Angst machen – dann beschützen

Münster -

Eine perfide Strategie macht mal wieder Karriere: Das Opfer wird gezielt isoliert und verunsichert; der Täter geriert sich als Beschützer. Klingt nach Mafia, ist aber auch jenseits krimineller Milieus wie Beziehungen und Politik als ein psychologisches Phänomen bekannt: „Gaslighting“.

Mittwoch, 04.03.2020, 11:06 Uhr
Ganz so paradiesisch, wie es auf den ersten Blick scheinen könnte, ist es nicht: Die junge Effi Briest hat sich mit dem doppelt so alten Instetten vermählt, lebt im Wohlstand, ist aber nicht glücklich.
Ganz so paradiesisch, wie es auf den ersten Blick scheinen könnte, ist es nicht: Die junge Effi Briest hat sich mit dem doppelt so alten Instetten vermählt, lebt im Wohlstand, ist aber nicht glücklich. Foto: Oliver Berg

Eine perfide Strategie macht mal wieder Karriere: Das Opfer wird gezielt isoliert und verunsichert; der Täter geriert sich als Beschützer. Klingt nach Mafia, ist aber auch jenseits krimineller Milieus als ein psychologisches Phänomen bekannt: „Gaslighting“. Gregor Tureček will mit seiner Inszenierung Fontanes „Effi Briest“ unter diesem Gesichtspunkt untersuchen.

Fontane erzählt die Geschichte einer jungen Frau, die sich auf Zureden ihrer Mutter mit dem doppelt so alten Baron von Instetten verheiratet, der einst ihre Mutter begehrte . . . Der Mann bringt seine Frau auf sein Gut und erzählt ihr die Gruselgeschichte von einem unheimlichen Fremden; diesen Spuk setzt der Gatte bewusst als „Erziehungsmittel“ gegen seine Frau ein, auf dass sie Angst habe und auf den Schutz ihres Mannes hoffen soll.

Regisseur Gregor Tureček erkennt in Instetten und seinem Verhalten eine Methode, die sich in toxischen Beziehungen, in falsch verstandener Männlichkeit wiederfindet, ja selbst auf der politische Ebene eine unheilvolle Karriere macht: Angst vor Fremden schüren, um sich als Retter an die Macht zu bringen oder zu halten.

Tureček hat eine eigene Theater-Fassung aus Fontanes Roman erstellt. „Wir haben ein bisschen in den Text eingegriffen“, erzählt der Regisseur. Fontanes scheinbar rein private Geschichte solle parallel auf vielen Dimensionen gelesen werden. Instetten und sein Freund Wüllersdorf seien vom Politiker-Typus der neuen Rechten. Daher kämen Texte aus der Identitären Bewegung und AfD-Politikern vor. Aus diesem Milieu kommen dezidiert antifeministischen und frauenfeindlichen Haltungen, wie sie auch der Mörder von Hanau geäußert hatte.

Bühne und Kostüme von Juliette Collas sollen zunächst eine Welt im Wohlstand suggerieren: Luxus in einem übergroßen Schaumbad. Das Ensemble hat als Inspiration das Selfie-Museum „Cali-Dreams“ in Düsseldorf besucht, ein Ort mit Kulissen für scheinschöne Inszenierungen. Tureček: „Der Zuschauer soll denken: ‚Ach, die Effi wäre ich auch gerne.‘ Aber langsam werden sie merken, dass es ganz anders ist.“ Auch die Musik (Constantin John) werde das Publikum im Laufe von gut 100 Minuten spüren lassen, dass hier etwas faul ist.

Das „Gaslighting“ wurde übrigens nach dem Stück „Gas Light“ (1938) benannt. Und die psychologische Methode, Angst zu erzeugen, um sich mächtig zu machen, kannte auch ein Nazi wie Hermann Göring (1893-1946), der zu Protokoll gab: Das einfache Volk wolle natürlich keinen Krieg, aber es sei einfach, dem Volk eine Bedrohung von außen zu vermitteln und Gegnern mangelnden Patriotismus zu unterstellen: „Diese Methode funktioniert in jedem Land.“

Die Premiere ist am Freitag (6. März) um 19.30 Uhr im Kleinen Haus, Neubrückenstraße 63. Karten für die nächsten Folgevorstellungen am 14., 18. und 28. März: 5 90 91 00.

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