Tagung zum Thema Teilhabe für Menschen mit Behinderung
Selbst bestimmen – auch im Alter

Münster -

Das Bundesteilhabegesetz soll Menschen mit Behinderung ermöglichen, selbst zu entscheiden, wie sie beispielsweise wohnen und ihre Freizeit verbringen wollen. Gerade im Alter klappt das bei vielen noch nicht. Wie das geändert werden kann, haben die Teilnehmer einer Tagung in Münster diskutiert.

Mittwoch, 04.03.2020, 18:00 Uhr aktualisiert: 05.03.2020, 16:19 Uhr
Forscher der Katholischen Hochschule NRW in Münster haben zusammen mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe und dem Landesverband Lebenshilfe NRW untersucht, wie Menschen mit Behinderung im Alter leben wollen – und wie das Realität werden kann.
Forscher der Katholischen Hochschule NRW in Münster haben zusammen mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe und dem Landesverband Lebenshilfe NRW untersucht, wie Menschen mit Behinderung im Alter leben wollen – und wie das Realität werden kann. Foto: Matthias Ahlke

Menschen mit Behinderung wollen, genau wie alle anderen auch, möglichst lange möglichst selbstbestimmt leben. Die Realität sieht oft noch anders aus.Um Teilhabe im Alter zu ermöglichen, müssen viele spezifische Aspekte berücksichtigt werden. Finanzielle und soziale Rahmenbedingungen stehen hier zur Debatte. Die Umsetzung der Reformen des Bundesteilhabegesetzes stellen somit alle Beteiligten vor Herausforderungen.

„Mutig“ heißt auch deshalb das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützte Teilhabe-Projekt, das die Projektleiter Prof. Dr. Sabine Schäper und Prof. Dr. Friedrich Diekmann am Mittwoch in der Katholischen Hochschule vorgestellt haben. Das Projekt sollte aufzeigen, inwieweit verschiedene Wohnsettings – wie Wohnheime, Wohngemeinschaften und betreutes Wohnen – die individuelle Teilhabe der Betroffenen speziell im Alter abbilden können.

Aufwand – und neue Chancen

„Wir haben untersucht, wie viele Betroffene in Westfalen-Lippe leben und wie die Menschen mit Behinderung hier im Alter leben wollen“, erläuterte Prof. Dr. Diekmann. Um das herauszufinden, haben die Forscher mit dem LWL-Inklusionsamt soziale Teilhabe, dem Landesverband Lebenshilfe NRW, dem Lebenshilferat und vielen Praxispartnern zusammengearbeitet.

Niederlande und Norwegen machen es vor

Wie das Forscherteam mitteilt, leben Menschen mit geistiger Behinderung beispielsweise im Alter noch mehrheitlich in Wohnheimen mit 20 und mehr anderen Menschen. Innovative Ideen, wie es anders gemacht werden kann, hätten die Forscher aus der Untersuchung der Wohnbetreuung in in den Niederlanden und in Skandinavien gewonnen. Dort würde auf kleinere Wohnhäuser, mehr Autonomie der Mitarbeiterteams und digitale Instrumente für die Kommunikation gesetzt. „In Holland wird viel über Sensorik gearbeitet, die in der Lange ist, Gefahren zu erkennen“, erläutert Prof. Dr. Diekmann. Auch würden die Wohndienste enger zusammenarbeiten, um zur Qualität der Betreuung Synergieeffekte zu nutzen. „Wir müssen uns vom Wohnheim mit 24 Plätzen verabschieden“, sagte Diekmann. Man brauche kleinere Wohn- und Hausgemeinschaften und mehr Technik.

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Um die Betreuung von Menschen mit Behinderung zu individualisieren, „müssen wir neu denken“, sagte Diekmann. Das bedeutet Aufwand, da sind sich Wissenschaft, Einrichtungsträger und Betroffene einig. Aber auch Chancen, sagte Prof. Dr. Sabine Schäper: „Die Menschen haben ja viel mehr Zeit, weil sie nicht mehr in der Werkstatt oder woanders arbeiten.“ Freizeit, die genutzt werden kann, aber auch betreut werden muss. Wenn die Betroffenen dann nicht mehr beschäftigt seien, müssten sie sich überlegen können, wie sie ihr Leben im Alter gestalten wollen, sagte Diekmann. An der Umsetzung hapert es noch. „Einige würden gerne in Rente gehen, können es aber nicht, weil die Wohneinrichtung keine Tagesstruktur hat“, sagte Andrea Pawlowski, vertretend für den Lebenshilferat. Sie selbst ist aufgrund ihrer körperlichen Einschränkung den ganzen Tag lang auf Unterstützung angewiesen. „Die Wohnformen müssen mit Assistenten so ausgestattet werden, dass sie diese individuelle Betreuung auch leisten können“, sagte Bärbel Brüning vom Landesverband der Lebenshilfe. Dabei soll künftig auch digitale Technik und autonomere Mitarbeiter helfen, sagte Diekmann.

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