Rückkehr ins Private
Ex-Oberbürgermeister Berthold Tillmann wird 70 Jahre alt

Münster -

Zehn Jahre lang war Dr. Berthold Tillmann Oberbürgermeister in Münster. Jetzt wird er 70 Jahre und genießt das Leben als ein Mensch, der ins Privatleben zurückkehren durfte. Eine Würdigung.

Freitag, 06.03.2020, 09:30 Uhr
Berthold Tillmann wird 70 Jahre alt.
Berthold Tillmann wird 70 Jahre alt. Foto: Oliver Werner

„Ich bin gerne privat.“ Dieser Satz kommt von einem Mann, der sich selbst zehn Jahre lang als „öffentliches Eigentum“ definierte. Dr. Berthold Tillmann, Oberbürgermeister von 1999 bis 2009, feiert am heutigen Freitag (6. März) seinen 70. Geburtstag.

Zu seiner neuen Lebenssituation passt es, dass der Jubilar keinen Empfang gibt und auch zu keiner großen Geburtstagsfeier inklusive Wiedersehen mit alten Weggefährten aus dem Rathaus einlädt.

Vielmehr begeht Tillmann seinen runden Geburtstag mit Freunden und Familie am Tegernsee, wo der Münsteraner eine Ferienwohnung besitzt. Als Pensionär genießt Tillmann die Freiheit, zusammen mit seiner Frau Cornelia unterwegs zu sein und die Familie seiner Tochter Marie-Christin in St. Augustin so oft zu besuchen, wie er möchte. Er genießt es auch, sich in Münster frei bewegen zu können, ohne, dass ihn gleich jemand mit einem Anliegen behelligt.

Prägende Lehrsätze 

Nach seinem Ausscheiden als Oberbürgermeister wechselte Tillmann ganz bewusst vom Politiker-Modus in den des Wissenschaftlers. Tillmann wurde Honorarprofessor am Institut für Politikwissenschaft der Uni Münster und gründete das „Netzwerk nachhaltige kommunale Finanzpolitik“.

In dieser Funktion breitete der Ex-Oberbürgermeister Lehrsätze aus, die ihn auch schon zu seinen aktiven Zeiten als Politiker umtrieben. Sätze wie: „Entscheidend sind nicht die Prioritäten, sondern die Posteriotäten.“ Will sagen: Wenn eine Stadt gut wirtschaften möchte, muss sich nicht nur das benennen, was sie sich leisten möchte, sondern vor allem das, worauf sie verzichten möchte.

Das Netzwerk arbeitet bis heute, doch mit dem Wechsel zum 70. Lebensjahr teilt der promovierte Politikwissenschaftler mit: „Dieses Engagement fahre ich jetzt zurück.“

Zehn Jahren an der Spitze der Stadt 

Als Tillmann das Rathaus verließ, war erst 59 Jahre alt. Er hätte also noch eine Legislaturperiode dranhängen können. Dass er sich dagegen entschied, geschah „nicht aus Frust“, wie Tillmann gern betont. Vielmehr sei er ein „überzeugter Anhänger einer Limitierung von Ämtern“. Überdies sei nach zehn Jahren an der Spitze der Stadt der „Wunsch nach mehr Privatleben“ sehr groß gewesen.

Tillmann kam 1980 als Referent des damaligen Kulturdezernenten Hermann Janssen zur Stadtverwaltung Münster, arbeitete sich dann zum Sozialdezernenten, zum Kämmerer und schließlich zum Oberbürgermeister hoch. Rückblickend bezeichnet er die OB-Jahre als „intensiv und anstrengend“.

Was Münster im vergangenen Vierteljahrhundert bewegte

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  • 1993: 1200-Jahr-Feier. Ob sich diese Schüler des Hittorf-Gymnasiums wieder erkennen? Auf diesem Foto aus dem Jahr 1993 werben sie für den Schülerfotowettbewerb. In der Hand halten sie das offizielle Logo des Stadtjubiläums, der zugleich auch das Thema des Wettbewerbs darstellt.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 1994: Marion Tüns wird Oberbürgermeisterin. Der frühere Oberbürgermeister Jörg Twenhöven (vorne, v.r.) und Oberstadtdirektor Tilman Pünder blicken nicht gerade begeistert, als Marion Tüns erstmals die Oberbürgermeister-Kette trägt. Jubeln indes kann die grüne Bürgermeisterin Barbara Schlemann (vorne, l.), neben ihr die CDU-Politikerin Hildegard Graf.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 1995: Streit um Madonna im Südpark. Die Künstlerin Emmy Feldmann hat jene Schutzmantelmadonna, deren Aufstellung in Münster zum Politikum wir, geschaffen

    Foto: Ahlke
  • 1996: Bürgerentscheid stoppt Gesamtschule. Ausgiebig feiern der CDU-Fraktionschef Werner Stolz (vorne, v.l.) sowie die Elternvertreter Eleonore Heyne, Thomas Gruschka und Renate Spitzner ihren Sieg beim Bürgerentscheid. Die Haupt- und die Realschule im Ostviertel bleiben bestehen.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 1997: Skulptur-Projekte erleben Durchbruch. Nicht kleckern, sondern klotzen, heißt bei den Skulptur-Projekten 1997 die Devise. Die gut besuchte Eröffnungsveranstaltung vermittelt  einen ersten Vorgeschmack auf die gewachsene Bedeutung der Ausstellung.

    Foto: Jürgen Peperhowe
  • 1998: 350 Jahre Westfälischer Friede. Die Jubiläumsfeier in Osnabrück und Münster beschert den beiden Städten eine sicherlich einmalige Dichte an politischer Prominenz. Nie zuvor und nie danach gab es in der jüngeren Geschichte der Stadt Münster einen solchen Auflauf von europäischen Staatsoberhäuptern wie bei der Eröffnung der Europaratsausstellung zum Westfälischen Frieden im Landesmuseum am Domplatz.

    Foto: Presseamt Stadt Münster
  • 1999: Berthold Tillmann wird Oberbürgermeister. Berthold Tillmanns Erfolg am Wahlabend 1999 ist so überwältigend, dass ihm seine Frau Cornelia Bergmann überschwänglich in die Arme fällt. Deutlich lässt der Herausforderer die Amtsinhaberin Marion Tüns hinter sich.

    Foto: Ahlke
  • 2000: Gericht kippt Preußen-Park. Im Modell gab es das ECE-Einkaufszentrum und das neue Stadion bereits. Doch daraus wurde nichts. Zur Orientierung: Im Vordergrund verläuft die Hammer Straße, im Hintergrund sind die Hochhäuser von Berg Fidel zu sehen

    Foto: Ahlke
  • 2001: Konzept für dezentrale Flüchtlingsunterbringung. 2008, also sieben Jahre nach dem Beginn des Konzepts, zeichnet der damalige NRW-Integrationsminister Armin Laschet (v.l.) das münsterische Flüchtlingskonzept aus. Projektleiter Jochen Köhnke und Sypros Marinos, Vorsitzender des Ausländerbeirates, nehmen die Urkunde entgegen.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 2002: Nein zur Stadtwerke-Teilprivatisierung. Otto Meyer und Marion Tüns (vorne, v.l.) werden nach dem erfolgreichen Bürgerentscheid bejubelt. 2002 werden die Münsteraner an die Urnen gerufen, um die Frage zu beantworten, ob die Stadt Münster die alleinige Eigentümerin der Stadtwerke Münster bleiben soll. Die Antwort beim Bürgerentscheid ist eindeutig: 65,4 Prozent der Wähler stimmen dem zu, nur 34,6 Prozent sind für die von der CDU-Alleinregierung geplante Teilprivatisierung des Versorgungsunternehmens. 

    Foto: Matthias Ahlke
  • 2003: Müllaufbereitungsanlage am Start. In Coerde wird die MBRA eröffnet. Die vier Buchstaben stehen für Mechanisch-Biologische Restmüll-Aufbereitungsanlage. Nach einer heftigen Auseinandersetzung mit der Landesregierung in Düsseldorf setzt die Stadt Münster ein Abfallkonzept um, das ohne eine Müllverbrennungsanlage auskommt. 

    Foto: Matthias Ahlke
  • 2004: Tiefgarage Ludgeriplatz scheitert. Der Ludgeriplatz, hier ein Foto aus dem Jahr 2001, ist ein kompliziertes Gebilde. Wo soll man hier eine Tiefgarage bauen, fragen sich 2004 viele Münsteraner. Am Ende scheitert das Projekt.

    Foto: Oliver Werner
  • 2005: Pläne für Kanalausbau werden vorgestellt. Als 2017 die Behelfsbrücke, die während des Baus der neuen Schillerstraßen-Brücke erforderlich, wieder abtransportiert wird, liegt die erste öffentliche Präsentation der Ausbaupläne bereits zwölf Jahre zurück.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 2006: Münster-Arkaden eröffnet. Von der Rothenburg bis zur Ludgeristraße führt ein Verbindungsweg lang durch die Münster-Arkaden. Seit der Eröffnung 2006 ist das Einkaufszentrum aus der Innenstadt nicht mehr wegzudenken.

    Foto: Gunnar A. Pier
  • 2007: Südbad schließt. Die Adresse Inselbogen 36 ist derzeit eine Brachfläche. Bis 2007 hat hier das Südbad gestanden. Zwischenzeitlich ist geplant, das Grundstück mit Wohnungen zu bebauen, wozu sich die Kommunalpolitiker aber nicht durchringen können. Zugleich aber werden die verschiedenen, bislang ins Auge gefassten Pläne zum Bau eines neuen Südbades nicht umgesetzt, so dass der Inselbogen 36 seit gut einem Jahrzehnt irgendwo zwischen Baum und Borke vor sich hin dümpelt.

    Foto: Ahlke
  • 2008: Münsteraner erteilen dem Bau einer Musikhalle per Bürgerentscheid eine Absage. Mit einer Aufführung der Carmina Burana vor dem Schloss hatten die Musikhallenfreunde noch für ein „Nein“ geworben – vergeblich. 

    Foto: pia
  • 2009: Markus Lewe wird Oberbürgermeister. Der SPD-Kandidat Wolfgang Heuer (2.v.r.) gratuliert Markus Lewe nach der Oberbürgermeisterwahl zum Sieg. Später macht Heuer als Ordnungs- und Personaldezernent Karriere unter Lewe.

    Foto: Ahlke
  • 2010: Städtebaupreis für die Stubengasse. Unter den vielen Preisen, die Münster schon gewonnen hat, fällt der Deutsche Städtebaupreis im Jahr 2010 kaum auf. Auch wenn der Preis allenfalls in Fachkreisen bekannt ist, so wird mit ihm ein städtebaulicher Wandel dokumentiert, der in Münster sehr wohl eine breite Wirkung erzielt hat. 

    Foto: Oliver Werner
  • 2011: Forensische Klinik geht in Betrieb. Nur selten ist das Tor der forensischen Klinik in Amelsbüren so seit offen wie am Tag der Offenen Tür 2011. Kurze Zeit später kommen die ersten Patienten.

    Foto: Oliver Werner
  • 2012: Abschied vom Namen Hindenburg. Beim Bürgerentscheid 2012, dem vierten überhaupt, setzen sich nicht die Ja-Stimmen durch, sondern die Nein-Stimmen. Und das auch ziemlich deutlich: 59,4 Prozent der Münsteraner entscheiden sich dafür, dass der frühere Hindenburgplatz seinen neuen Namen Schlossplatz behalten und nicht zum alten Namen zurückkehren soll.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 2013: Abzug der letzten britischen Soldaten. Über Jahrzehnte hinweg sind britische Soldaten in Münster, hier eine Parade auf dem Domplatz, ein vertrauter Anblick. 2013 aber verlassen die letzten Truppenteile die Stadt.

    Foto: Oliver Werner
  • 2014: Münster wäscht auf 300.000 Einwohner. Stefanie Luik über den Dächern von Münster. Im November 2014 wird die Studentin als 300 000. Münsteranerin begrüßt. Die junge Frau aus Reutlingen ist das Gesicht eines anhaltenden Bevölkerungswachstums in Münster.

    Foto: Oliver Werner
  • 2015: Hängepartie an der Umgehungsstraße endet. 2015 passiert das, womit niemand mehr gerechnet hat: Es erfolgt der erste Spatenstich für den vierspurigen Ausbau der Umgehungsstraße, dritter Bauabschnitt. Der jahrzehntelange Vorlauf für diesen umstrittenen Straßenbau beschert Münster einen außergewöhnlichen Superlativ: 31 Jahre lang, von 1986 ist 2017, ist die Bürgerinitiative St. Mauritz aktiv, um eben diesen Ausbau zu verhindern.

    Foto: Matthias Ahlke
  • 2016: Das Aus für verkaufsoffene Sonntage. Auf diesen Moment haben sie hingearbeitet (vorne, v.l.): Die Pfarrer Martin Mustroph und Jens Dechow, Bernd Bajohr von der Gewerkschaft Verdi und Jochen Lüken, Personalratsvorsitzende der Stadt Münster, feiern den erfolgreichen Bürgerentscheid.

    Foto: Oliver Werner
  • 2017: Hauptbahnhof wird neu eröffnet. Riesig ist der Andrang als der neue Hauptbahnhof im Juni 2017 feierlich eröffnet wird. Das Gebäude kommt gut an. 

    Foto: Oliver Werner

Zum einen sei es sein Ziel gewesen, „die Stadt zu ermutigen, sich dem interkommunale Wettbewerb zu stellen“. Zum anderen habe er immer einer Stadtverwaltung vorstehen wollen, „die sich nicht als Sekretariat des Rates versteht“.

Damit stellt sich zwangsläufig die Frage, wie er die aktuelle Situation der Stadtverwaltung und des Rates sieht. Dem Jubilar ist in dieser Hinsicht nichts zu entlocken. Seine Zeit sei vorbei, meint Tillmann, „da verbietet es sich, Ratschläge zu erteilen.“ Er belässt es bei allgemeinen Äußerungen wie: „Münster entwickelt sich gut.“

Nur an einer Stelle ist ihm dann doch so etwas wie vorsichtige Kritik zu entlocken. Die Finanzpolitik der Stadt Münster, so sein Urteil, könnte besser sein.

Amts-Nachfolger wurde Markus Lewe

Das deckt sich mit Tillmann-Äußerungen bei einem seiner wenigen öffentlichen Auftritte. Anlässlich der Buchvorstellung „25 Jahre Münster – Eine Bilanz“ im vergangenen Jahr saß Tillmann einen ganzen Abend lang neben seinem Nachfolger Markus Lewe. Tillmann lobte Lewe dafür, dass dieser auch nach zehn Jahren im Amt noch so vital, frisch und unverbraucht sei. Auf der anderen Seite tadelte er die fehlende Prioritätensetzung beim Geldausgeben.

Eine Schlussfolgerung zog Tillmann nicht. Aber man kann erahnen, wie sie hätte lauten können: Wer es mit dem Sparen nicht so genau nimmt, geht leichter durchs Leben.

Am Ende der Ära Tillmann vor über zehn Jahren gab es in CDU-Kreisen ein böses Wort: „Unser Oberbürgermeister regiert mit Hilfe von Excel-Tabellen.“ Aber immerhin: Tillmann regierte.

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