Corona-Krise
Leben in der Geisterstadt

Münster/Köln -

Straßen und Plätze: leer. Geschäfte und Lokale: geschlossen. In der Corona-Krise gleichen NRWs Metropolen Geisterstädten. Die Menschen kapseln sich ein. Was macht das mit ihnen?

Donnerstag, 19.03.2020, 09:30 Uhr aktualisiert: 19.03.2020, 09:39 Uhr
Corona-Krise: Leben in der Geisterstadt
Wenig los ist auf dem Prinzipalmarkt in Münster am Mittwoch. Foto: Oliver Werner

Der Prinzipalmarkt, Münsters gute Stube. Das dunkle Kopfsteinpflaster ist wie leer gefegt. Vereinzelt fahren Polizeiautos an der Lambertikirche vorbei. Der übliche Schwarm an Radfahrern? Nicht zu sehen. Und auch die Juweliere haben vorgesorgt: Sämtliche Auslagen in den Schaufenstern sind leer geräumt. Keine teuren Uhren, kein Schmuck. Die Kaufleute rechnen in Coronazeiten nicht mit Kundschaft.

Corona scheint Nordrhein-Westfalens Städte zu entvölkern. Für viele ist es ein merkwürdiges Gefühl, wenn sie jetzt vor die Tür treten. Ein bisschen wie an einem Sonntag: Kaum Verkehr auf den Straßen, wenig Leute unterwegs.

Die Stadt wird geleert

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  • Wie leer gefegt: Die Arkaden nach der Schließung wegen des Coronavirus.

    Foto: Karin Völjker
  • Das vorerst letzte Eis wurde in den Arkaden am Mittwoch verkauft.

    Foto: Karin Völker
  • Nur noch sehr wenige Geschäfte in den Arkaden dürfen weiter geöffnet bleiben – unter anderem der dm. Die Stühle vor dem Super Bio-Markt stehen derweil schon auf den Tischen.

    Foto: Karin Völker
  • Schilder wie dieses hier haben die Geschäftsleute hinterlassen

    Foto: Karin Völker
  • Auch die Cafés sind wegen des Coronavirus geschlossen.

    Foto: Karin Völker
  • Aufräumen ist angesagt: Uwe Dieks macht seinen Wurstimbiss am Durchgang zwischen Domplatz und Rothenburg dicht.

    Foto: Karin Völker
  • Ole Oelkers, Geschäftsführer vom Fyal, verschenkt Milch und Getränke gegen eine Spende für einen guten Zweck

    Foto: Karin Völker
  • Ein letztes Glas im Marktcafé: Hier wurde erst am Mittag dichtgemacht.

    Foto: Karin Völker
  • So sieht man den Prinzipalmarkt selten: Nur wenige Menschen waren hier am Mittwochmittag unterwegs.

    Foto: Karin Völker
  • Der Blumenstand Malecki am Stadthausturm räumt nach der Verfügung ab.

    Foto: Karin Völker
  • Der nicht ganz korrekte Aushang an den Arkaden am Mittwochvormittag. Das Lokal Pablo muss ebenfalls schließen.

    Foto: Karin Völker
  • Wenig später gab es den korrigierten Aushang.

    Foto: Karin Völker
  • Zahlreiche Geschäfte weisen zudem auf ihren Onlineshop hin.

    Foto: Oliver Werner
  • Die Schotten sind auch unter den Bögen dicht.

    Foto: Oliver Werner
  • Einige wenige Menschen trieben sich am Mittwoch noch in der Innenstadt rum.

    Foto: Oliver Werner
  • Der Wochenmarkt darf weitermachen – allerdings gelten klare Regeln.

    Foto: Oliver Werner
  • Auf dem Markt am Domplatz herrschte am Mittwoch kein Andrang.

    Foto: Oliver Werner

„Wahrscheinlich ist die Angst vor der Leere genetisch bei uns eingebaut“

Aber es ist auch wieder anders: In Recklinghausen zum Beispiel ist ein Spielplatz mit Flatterband abgesperrt. Und im sonst rappelvollen Backshop auf dem Dortmunder Westenhellweg ist die gesamte Cafébestuhlung zusammengeschoben: Der Kunde soll sich selbst bedienen, zahlen und wieder gehen.

So drängt sich der Eindruck auf, dass etwas nicht stimmt. Die Situation wirkt irreal - oder „traumartig“, ein Begriff den Thomas Mann in „Der Tod in Venedig“ verwendet. Die Novelle handelt von einer Cholera-Epidemie, die die Lagunenstadt entvölkert.

„Über verlassene Straßen zu gehen, mag zunächst mal ganz nett sein“, meint der Psychologe Winfried Rief von der Universität Marburg. Endlich kein Gedränge mehr. Aber lange könne man das nicht genießen. Nach einiger Zeit bekomme die unwirkliche Situation etwas Bedrohliches. „Man kennt diese leer gefegten Straßen aus Filmen. Das ist ja auch ein künstlerisches Element. Wahrscheinlich ist die Angst vor der Leere genetisch bei uns eingebaut.“ Viele Tiere scheuen instinktiv freie Flächen, weil sie dort keine Deckung haben.

Klopapier und Waffenschein

Die teilweise leer geräumten Regale in den Supermärkten verstärken das Gefühl einer Situation, die außer Kontrolle gerät. „Leere Regale kennen wir nicht mehr“, sagt Rief. Ältere Menschen fühlten sich dadurch an die ersten Jahre nach dem Krieg erinnert, als in Deutschland Hunger herrschte.

Zum Glück erlebt man auch Szenen, die eher in eine Komödie als in einen Katastrophenfilm passen würden. Köln, Ebertplatz: Der Lastwagen eines Großhändlers mit Hygieneartikeln ist vorgefahren. Ein Mitarbeiter trägt eine Palette Toilettenpapier raus. Das fällt natürlich auf in diesen Tagen. Daraufhin warnt er die Passanten: „Ich habe einen Waffenschein!“

Auf dem Balkon „hört die halbe Nachbarschaft mit“

Die Leere der Straßen vermittelt das Bild einer ausgestorbenen Stadt, aber dem ist natürlich nicht so: Die Bewohner haben sich in die Häuser zurückgezogen. Manche arbeiten dort genauso weiter wie im Büro, etwa die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker, die für zwei Wochen in Quarantäne ist, weil sie mit einem Corona-Infizierten in Kontakt war. Zu sehen bekommt sie nur noch ihren Mann, und raus geht sie auch nicht mehr: „Obwohl es eigentlich kein Problem wäre, wir haben ja keine Ausgangssperre. Aber Menschen empfinden das zum Teil als Nichteinhaltung der Quarantäne.“ Auf den Balkon setzen will sie sich auch nicht: Wenn sie da telefoniert, „hört die halbe Nachbarschaft mit“.

Maßnahmen der NRW-Landesregierung

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  • Die Bundesregierung und die Länder haben sich am Montag (16. März) auf weitere Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie geeinigt. Die Landesregierung hat diese Beschlüsse am Dienstag teilweise sogar noch verschärft. Die Einschränkungen gelten zunächst bis zum 20. April.

    Foto: dpa
  • Schulen und Kitas geschlossen

    Bereits seit Montag (16.3.) sind die Schulen in NRW geschlossen. Die Lehrer blieben im Dienst, zur Vorbereitung von Abschlussarbeiten etwa oder um digitale Unterrichtsformen durchzuführen.

    Ebenso dürfen Kinder bis zum schulpflichtigen Alter seit Montag nicht mehr in Kitas gebracht werden. Kinder sollten nicht bei Großeltern untergebracht werden.

    Für die Kinder des Personals, das zur Bewältigung der Krise notwendig sei, gibt es besondere Betreuungsangebote.

    Foto: Caroline Seidel
  • Geschäfte und Läden werden geschlossen.

    In Nordrhein-Westfalen werden ab Mittwoch (18.3.) alle Geschäfte und Läden geschlossen, die nicht der täglichen Grundversorgung dienen. Supermärkte, Wochenmärkte, Apotheken, Drogerien, Baumärkte, Großmärkte, Lieferdienste, Apotheken, Zeitschriftenhandel und Friseure zum Beispiel bleiben auf. Lebensmittel dürfen sonntags verkauft werden.

    Foto: dpa
  • Spielplätze

    Alle Spiel- und Bolzplätze werden gesperrt. "Bitte jetzt nicht auf irgendwelche Wiesen ausweichen", mahnte NRW-Familienminister Stamp.

    Foto: dpa
  • Gastronomie

    Restaurants dürfen nur von 6 bis 15 Uhr öffnen. Dabei muss ein Mindestabstand zwischen den Tischen von zwei Metern eingehalten werden. Bars, Cafés, Kneipen und Amüsier-Etablissements müssen ganz schließen.
    In Münster werden die Restaurants sogar komplett geschlossen.

    Foto: dpa
  • Tourismus

    Hotels dürfen keine Touristen mehr beherbergen. Reisebusreisen sind verboten.

    Foto: dpa
  • ÖPNV wird eingeschränkt:

    Der öffentliche Personennahverkehr in NRW wird wegen der Corona-Krise eingeschränkt. Bahn und Busse fahren vielerorts nur noch nach dem Ferien-Fahrplan. Es wird empfohlen, nur noch in dringenden Fällen den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen. Fahrkarten-Kontrollen werden nicht mehr durchgeführt.

    Die Stadtwerke Münster bitten  alle Fahrgäste, in den Stadtbussen bis auf Weiteres nur die hinteren Türen für den Ein- und Ausstieg zu nutzen. Die erste Tür direkt bei der Fahrerin oder beim Fahrer bleibt vorsorglich geschlossen, im Bus werden keine Tickets mehr verkauft.

    Foto: Matthias Ahlke
  • Freizeit

    Per Erlass der Landesregierung sind Veranstaltungen grundsätzlich untersagt, dazu gehören auch alle Konzerte oder Aufführungen.

    Kultureinrichtungen wie Ausstellungen und Kinos sind geschlossen. Auch Tier- und Freizeitparks müssen den Betrieb einstellen, gleiches gilt für Sportanlagen.

    Foto: Matthias Ahlke2
  • Sportbetrieb eingestellt

    Keine Spiele, kein Training. Auch Fitnessstudios und Schwimmbäder dürfen nicht mehr öffnen. Der Sport in NRW steht komplett still.

    Foto: imago-images
  • Gottesdienste abgesagt:

    Es dürfen ab sofort keine Gottesdienste mehr abgehalten werden. Alle religiösen Veranstaltungen müssen bis auf Weiteres abgesagt werden.

    Foto: Oliver Werner
  • Sommersemester-Start an NRW-Hochschulen verschoben:

    Wegen der Ausbreitung des Coronavirus wird auch der Start des Sommersemesters an den nordrhein-westfälischen Hochschulen vorerst bis zum 20. April, dem Ende der Osterferien, verschoben.

    Ursprünglich sollte das Sommersemester an den Fachhochschulen am 23. März und an den Universitäten am 6. April beginnen.

    Foto: Sebastian Gollnow
  • Operationen verschieben:

    Alle nicht zwingend nötigen Operationen in NRW sollen wegen der Coronakrise auf absehbare Zeit verschoben werden. Das sagte Ministerpräsident Armin Laschet (CDU). 

    Foto: Georg Wendt
  • Keine Besuche mehr in Pflege- und Altenheimen in NRW:

    Wegen der Ausbreitung des Coronavirus dürfen Alten- und Pflegeheime in NRW grundsätzlich nicht mehr besucht werden. Besuche seien nur in dringenden Ausnahmefällen möglich, sagte Ministerpräsident Armin Laschet bei einer Pressekonferenz in Düsseldorf.

    Foto: Klaus-Dietmar Gabbert

Alice Schwarzer hat sich aus ihrer Kölner Stadtwohnung in ihr Haus auf dem Land zurückgezogen. „Mich ganz persönlich trifft der Corona-Schock nicht so“, sagt die 77 Jahre alte Frauenrechtlerin der Deutschen Presse-Agentur. „Ich stecke eh gerade mitten in einer Buchklausur.“

Erschütterte Grundsicherheiten

Andere Menschen haben nicht so viel zu tun und verfolgen stattdessen intensiv die Nachrichtenlage. Im Einzelfall kann sich das belastend auswirken: „Von den Terroranschlägen vom 11. September wissen wir, dass es da Menschen gab, die nur vor dem Fernseher saßen und anschließend über Symptome einer posttraumatischen Störung geklagt haben“, erläutert Professor Rief. „So als hätten sie die Anschläge selbst erlebt. Die permanente Stimulation mit bedrohlichen Situationen kann zu Angstsymptomen und Alpträumen führen.“

Die Erfahrung, dass so etwas wie die Corona-Epidemie überhaupt geschehen kann, erschüttert Grundsicherheiten. Es zeigt sich, dass das Zusammenleben fragiler ist, als man bisher gedacht hat. „Die meisten von uns haben in den letzten Jahrzehnten in einem System der Sicherheit gelebt“, sagt Rief. „Wir hatten eine stabile Wirtschaft, ein hervorragendes Gesundheitssystem, alles schien unter Kontrolle. Und jetzt hören wir, dass dem einen vielleicht das Beatmungsgerät abgeklemmt wird, um es jemand anderem zu geben. Das ist schockierend.“

„Soziale Kontakte sind ein Schutzschild gegen die Härten des Lebens“

Dazu kommt in der Corona-Krise verschärfend hinzu, dass sich viele Menschen nicht mehr direkt mit Kollegen, Freunden oder Verwandten austauschen können. Solche Gespräche sind normalerweise äußerst hilfreich, um das Erlebte zu verarbeiten. Rief drückt es so aus: „Soziale Kontakte sind ein Schutzschild gegen die Härten des Lebens.“ Nun aber appelliert selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel an die Bürger, dass „auf Sozialkontakte verzichtet werden soll“. Dies geschieht natürlich mit gutem Grund.

Doch was zur Eindämmung der Epidemie absolut geboten ist, kann für den Einzelnen in der Praxis ein Problem sein. Gerade alte Menschen kennen sich mit sozialen Netzwerken oft nicht aus, sie können nicht appen oder skypen. Für sie kann der Kontakt zur Außenwelt im Plausch mit dem Bäcker, dem Frisör oder der Nachbarin bestehen. Diese persönliche Begegnung aber ist jetzt unter Umständen tabu. Rief geht deshalb soweit zu sagen: „Es ist nicht nur eine Virusbedrohung, sondern auch eine Bedrohung unseres Menschseins.“

Zeichen des Zusammenhalts

Was in dieser Situation helfe, sei Berechenbarkeit. „Die Politiker sollten zwar unbedingt ehrlich sein, sie sollten wahrheitsgemäß sagen: Das ist jetzt erst der Anfang, wir sind noch lange nicht über den Berg. Aber sie sollten schon auch eine Perspektive aufbauen, im Sinne von: Das Leben geht weiter. Irgendwann haben wir das überstanden.“ Henriette Reker gibt den praktischen Rat, einfach mal wieder eine alte Freundin anzurufen, mit der man vielleicht schon lange nicht mehr gesprochen hat. Wann, wenn nicht jetzt, wäre der richtige Zeitpunkt?

Ebenfalls hilfreich ist ein Gefühl der Nähe über Distanzen hinweg. Dafür gibt es glücklicherweise zahllose Beispiele aus ganz Deutschland - etwa Angebote, für kranke oder ältere Nachbarn einkaufen zu gehen oder den Hund auszuführen.

In Köln applaudieren abends um 21 Uhr Menschen auf ihren Balkonen oder in geöffneten Fenstern. Sie wollen damit Zusammenhalt ausdrücken und die Arbeit von Ärzten, Pflegern und anderen Helfern anerkennen. Dabei kommen mitunter auch Nachbarn in Kontakt, die bis dahin gar nichts miteinander zu tun gehabt haben. Sie grüßen sich mit Zurufen oder leuchtenden Handys über die Straße hinweg. So hat die Krise bei aller Bedrohung auch das Potenzial, Menschen zusammenzuführen. 

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