Riesenandrang bei der Agentur für Arbeit
Viele Unternehmen setzen wegen der Corona-Krise jetzt auf Kurzarbeit

Münster -

Kurzarbeit sehen viele Betriebe in der Corona-Krise als Rettungsring: Die Agentur für Arbeit hat wegen des riesigen Bedarfs eine zusätzliche Service-Nummer geschaltet und informiert über Voraussetzungen.

Freitag, 20.03.2020, 08:00 Uhr aktualisiert: 20.03.2020, 09:03 Uhr
Gähnende Leere auf dem Prinzipalmarkt spiegelt die derzeitige Situation nicht nur im Einzelhandel, sondern in vielen Branchen.
Gähnende Leere auf dem Prinzipalmarkt spiegelt die derzeitige Situation nicht nur im Einzelhandel, sondern in vielen Branchen. Foto: Karin Völker

Die Not bei Betrieben und Arbeitnehmern ist in diesen Tagen gleichermaßen groß. Viele ergreifen Kurzarbeit als Rettungsring. Die Agentur für Arbeit hat angesichts des großen Ansturms eine zusätzliche Telefonnummer geschaltet, zumal seit Mittwoch die Geschäftsstellen für den Publikumsverkehr geschlossen wurden. An dem Tag „gab es im Agenturbezirk rund 700 Anrufe, das sind mehr als zum Höchststand der Finanzkrise 2008“, erklärt Agentursprecherin Petra König.„Um es den Arbeitgebern so leicht wie möglich zu machen, können die Kurzarbeitsanzeigen online gestellt werden.“

Voraussetzungen für Kurzarbeitwurden durch den Gesetzgeber jetzt gelockert: Zehn Prozent der Beschäftigten müssen von einem Arbeitsausfall betroffen sein (bislang mindestens ein Drittel). Neu ist zudem, dass negative Arbeitszeitkonten nicht vor der Beantragung ins Plus gebracht werden müssen. Neuerdings kann Kurzarbeitergeld auch für Beschäftigte in Leiharbeit beantragt werden. Zudem sollen Arbeitgeber die Beiträge zur Sozialversicherung voll erstattet bekommen.

60 Prozent der Differenz zum Nettogehalt

Das Kurzarbeitergeld wird für ausgefallene Arbeitsstunden gewährt und beträgt 60 Prozent, bei Beschäftigten mit mindestens einem Kind 67 Prozent der Differenz zum Nettogehalt. Politik und Sozialpartner wollen die Lohnlücken in der Corona-Krise mit neuen Gesetzen abfedern, die in der kommenden Woche im Bundestag beraten werden sollen.

„Das Kurzarbeitergeld ist eine gute Hilfe“, sagt Hermann Vaubel. Der Inhaber des Unternehmens Terracamp und Betreiber zweier Jack-Wolfskin-Läden im Aegidiimarkt ist einer der vielen Unternehmer, die in diesen Tagen Kurzarbeit bei der Agentur für Arbeit anmelden. Ein Drittel seiner 20 Mitarbeiter ist noch vor Ort und hilft ihm im derzeitigen Organisationsstress. Denn für den Auftakt der Outdoor- und Camping-Saison „laufen derzeit große Warenmengen ein, die bereits vor einem dreiviertel Jahr geordert wurden“, erklärt Vaubel. Verhandlungsgeschick sei nun gefragt, um Liefertermine noch auszusetzen oder spätere Rechnungsstellungen zu erreichen. Einige Lieferanten kämen ihm entgegen. Vaubel: „Letztendlich sitzen wir in dieser Krise alle in einem Boot.“ Schon jetzt sei allerdings klar: Mit Kurzarbeitergeld sei das nicht abzufangen, um Insolvenzen zu verhindern. „Viele Unternehmen sind auf Hilfsfonds angewiesen.“ Denn Mieten, Darlehenszahlungen und viele andere Kosten laufen weiter.

Kein Geld für 450-Euro-Kräfte

Aber bereits beim Thema Kurzarbeit ist die Nachfrage riesig, in Münster derzeit vor allem in der Gastronomie, weiß Agentur-Sprecher Matthias Pöpping, der darauf verweist, dass 450-Euro-Kräfte kein Kurzarbeitergeld beziehen können.

Manche Unternehmen versuchen derweil auf vielen Wegen den Personalstamm den reduzierten Arbeitsumfängen anzupassen.

Darf ein Arbeitgeber Urlaub anordnen?Dies ist eine der Fragen, mit denen sich Ratsuchende auch an unsere Redaktion wenden. „Ja, dies ist arbeitsrechtlich möglich“, bestätigt DGB-Regionalgeschäftsführer Volker Nicolai-Koß. Ein Aufbau von Minus-Zeitkonten sei indes nicht zulässig.

Unter hohen finanziellen Einbußen leiden auch viele der derzeit noch arbeitenden Handwerksbetriebe, wie die Handwerkskammer in einer Blitzumfrage ermittelt hat. Rund 55 Prozent seien von der Corona-Krise betroffen.

Die Stadt wird geleert

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  • Wie leer gefegt: Die Arkaden nach der Schließung wegen des Coronavirus.

    Foto: Karin Völjker
  • Das vorerst letzte Eis wurde in den Arkaden am Mittwoch verkauft.

    Foto: Karin Völker
  • Nur noch sehr wenige Geschäfte in den Arkaden dürfen weiter geöffnet bleiben – unter anderem der dm. Die Stühle vor dem Super Bio-Markt stehen derweil schon auf den Tischen.

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  • Schilder wie dieses hier haben die Geschäftsleute hinterlassen

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  • Auch die Cafés sind wegen des Coronavirus geschlossen.

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  • Aufräumen ist angesagt: Uwe Dieks macht seinen Wurstimbiss am Durchgang zwischen Domplatz und Rothenburg dicht.

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  • Ole Oelkers, Geschäftsführer vom Fyal, verschenkt Milch und Getränke gegen eine Spende für einen guten Zweck

    Foto: Karin Völker
  • Ein letztes Glas im Marktcafé: Hier wurde erst am Mittag dichtgemacht.

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  • So sieht man den Prinzipalmarkt selten: Nur wenige Menschen waren hier am Mittwochmittag unterwegs.

    Foto: Karin Völker
  • Der Blumenstand Malecki am Stadthausturm räumt nach der Verfügung ab.

    Foto: Karin Völker
  • Der nicht ganz korrekte Aushang an den Arkaden am Mittwochvormittag. Das Lokal Pablo muss ebenfalls schließen.

    Foto: Karin Völker
  • Wenig später gab es den korrigierten Aushang.

    Foto: Karin Völker
  • Zahlreiche Geschäfte weisen zudem auf ihren Onlineshop hin.

    Foto: Oliver Werner
  • Die Schotten sind auch unter den Bögen dicht.

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  • Einige wenige Menschen trieben sich am Mittwoch noch in der Innenstadt rum.

    Foto: Oliver Werner
  • Der Wochenmarkt darf weitermachen – allerdings gelten klare Regeln.

    Foto: Oliver Werner
  • Auf dem Markt am Domplatz herrschte am Mittwoch kein Andrang.

    Foto: Oliver Werner
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