Münster wird aktiv zum „Welttag der Poesie“
Gedichte in Spucke

Münster -

Ungewöhnlicher Umgang mit Lyrik. Münsteraner präsentieren sich und Gedichte zum „Welttag der Poesie“ – Spucke inklusive.

Freitag, 20.03.2020, 18:28 Uhr
Stephan Us startet seine Performance "Psssst!" mit einem Gedichte von Mascha Kaléko,
Stephan Us startet seine Performance "Psssst!" mit einem Gedichte von Mascha Kaléko, Foto: Stephan Us

„Dein Ort ist / wo Augen dich ansehn. / Wo sich Augen treffen / entstehst du.“ Diese Worte von Hilde Domin klingen in Zeiten der Nähe aus Distanz wie eine Sehnsucht. Am „Welttag der Poesie“ (21. März) wollte das „Stadtensemble Münster“ erstmalig mit einem einzigartigen Flashmob die Stadt mit Poesie bestäuben. Das ist vertagt. Aber trotzdem wird die Lyrik in diesen Tagen gefeiert: von Hermann Wallmann, von Stephan Us und vom Stadtensemble virtuell.

  • Wer will, kann auf der Facebook-Seite
  • „Stadtbestäubung“
  • am Samstag (21. März) seinen lyrischen Beitrag posten. Eine Reihe von Mitgliedern des Stadtensembles hat bereits zugesagt, dies zu tun. Aber auch jede und jeder kann sich an dieser „lyrischen Social-Media- Desinfektion“ durch Poesie beteiligen. Carola von Seckendorff fordert als Initiatorin der „Stadtbestäubung“ dazu auf, Texte, Videos oder Audios auf Facebook, Insta­gram, TikTok, oder Twitter zu posten.
  • Einen persönlicheren Weg schlägt der langjährige Chef des Internationalen Lyrikertreffens Münster vor.
  • Hermann Wallmann
  • hat gleichsam in seiner persönlichen lyrischen Apotheke gekramt. Der Vorsitzende des Literaturvereins empfiehlt zur Corona-Krise das Großgedicht eines deutschen Dichters der Aufklärung, Barthold Heinrich Brockes (1680-1747); dessen Worte sollen wie folgt angewendet werden. Wallmann: Ein jeder müsse „es sich selber halblaut vorlesen, dann entfacht es seine pastorale Wirkung“. Das Gedicht verweist auf das Glück der Genügsamkeit in der Gegenwart angesichts wirklicher Schrecken in der Welt, ist reich an Versen und heißt: „Unverantwortliche Unempfindlichkeit der Menschen über entferntes Unglück“ (zu finden über Google auf der Seite www.deutschestextarchiv.de)

Dem weniger geduldigen Zeitgenossen gibt Wallmann sieben Verse an die Hand, die Bertolt Brecht 1937 an Ruth Berlau geschrieben hat: „Morgens und abends zu lesen: Der, den ich liebe / Hat mir gesagt / Daß er mich braucht. / Darum gebe ich auf mich acht / Sehe auf meinen Weg und / Fürchte von jedem Regentropfen / Daß er mich erschlagen könnte.“

  • Der Performancekünstler
  • Stephan Us
  • geht einen anderen Weg – buchstäblich. Mit „Pssssst!“ startet der Münsteraner eine stille Performance. Us wird jeden Tag auf seinem Einkaufsweg oder den Wegen, die er dann noch gehen darf, ein Gedicht oder Text zum Thema Stille und Schweigen in seinem Mund tragen. Das Gedicht wird sich zu einer Papiermasse auflösen. Wieder zu Hause im Erpho-Viertel angekommen, wird er Tag für Tag aus dieser Masse, die von Bakterien und Viren durchsetzt ist, eine Kugel formen. Sie soll solange weiterwachsen, bis die Poesie lauter geworden ist als das Wort „Corona.“
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