UKM-Direktor Van Aken und Ordnungsdezernent Heuer im Interview
„Szenen wie in Italien wird es hier nicht geben”

Münster -

Die Zahl der Corona-Infektionen in Münster hat am Freitag die Grenze von 200 überschritten. Mit Entwicklungen wie in Italien ist in Deutschland aber nicht zu rechnen, versichert der ärztliche Direktor des Uniklinikums Münster im Interview.

Samstag, 21.03.2020, 10:00 Uhr aktualisiert: 21.03.2020, 11:21 Uhr
Prof. Dr. Hugo van Aken (l.) und Ordnungsdezernent Wolfgang Heuer haben die aktuelle Lage in Münster eingeschätzt.
Prof. Dr. Hugo van Aken (l.) und Ordnungsdezernent Wolfgang Heuer haben die aktuelle Lage in Münster eingeschätzt. Foto: Oliver Werner

Das Coronavirus hat auch das Leben in Münster im Griff. Seit drei Wochen tagt täglich der Krisenstab. Dabei sind immer auch der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Münster (UKM), Prof. Dr. Hugo Van Aken, und der städtische Ordnungsdezernent Wolfgang Heuer. Unsere Redakteurin Karin Völker sprach mit den beiden über die aktuelle Lage.

In Münster gab es am Freitag 219 bestätigte Corona-Infektionen. Wie viele Patienten liegen davon in den Krankenhäusern?

Van Aken: Nur vereinzelte. Es ist aber keiner schwer erkrankt, niemand wird auf einer Intensivstation behandelt. Natürlich könnte sich das ändern.

Werden in Münster weitere Kapazitäten in den Kliniken aufgebaut – für den Fall, dass die Zahl Schwerkranker steigt?

Van Aken: Wir haben in Deutschland deutlich mehr Intensivbetten als unsere europäischen Nachbarn, nämlich 34 pro 100 000 Einwohner. Frankreich und Italien haben nur zwölf. Trotzdem schaffen wir neue Möglichkeiten für die Intensivtherapie. Was Räume und Geräte angeht, könnten wir die Zahl der Intensivplätze noch einmal um 50 Prozent steigern. Dafür reicht aber nicht das dafür sachkundige Personal. Realistisch ist eher eine Steigerung um zehn bis 20 Prozent.

Wie können Sie das schaffen?

Van Aken: Die Krankenhäuser fahren jetzt die Zahl geplanter, nicht dringend notwendiger Operationen zurück und gewinnen so sachkundiges Personal für die Intensivpflege. In Krankenhäusern der Regelversorgung, etwa im Marienhospital in Borghorst, das das UKM auch betreibt, betrifft das etwa 60 Prozent der Operationen.

Heißt das, dass alle Patienten, bei denen jetzt eine Operation geplant war, sich auf unbestimmte Zeit gedulden müssen?

Van Aken: Nein. Viele Operationen, etwa am Herzen oder bei Krebspatienten, können nicht aufgeschoben werden. Bei uns am UKM sind solche unaufschiebbaren Eingriffe 75 Prozent aller Operationen. Viele Patienten, bei denen ein geplanter Eingriff, etwa der Einsatz eines künstlichen Kniegelenks, vorgesehen ist, verzichten im Moment ohnehin darauf, ins Krankenhaus zu gehen.

Wie schaffen Sie es zusätzlich, das Gesundheitssystem für die Behandlung der Corona-Patienten zu entlasten?

Van Aken: Wir fahren momentan die Termine in den Ambulanzen zurück. Unsere Ärzte sprechen mit allen Patienten, die einen Termin haben, wie dringend ihr Kommen ist und beraten sie mündlich. Rezepte können elektronisch ausgestellt werden.

Es gibt also Anlass zur Zuversicht, dass es bei uns nicht zu einer Eskalation kommen wird, wie etwa in Italien?

Van Aken: Unser Gesundheitssystem ist wirklich sehr robust, das zeigt auch die Statistik: Wir hatten bis Donnerstag in Deutschland 44 Tote durch das Virus bei rund 15 300 bestätigten Infektionen. In den Niederlanden waren zu diesem Zeitpunkt bei 2500 Infektionen 76 Menschen gestorben, Frankreich hatte bei 11 000 Infizierten 372 Tote. Die schrecklichen Szenen, die uns aus Italien übermittelt werden, wird es hier nicht geben.

Wie geht es den vielen Pflegern und Helfern? Sind von ihnen nicht auch viele infiziert?

Van Aken: Es haben sich einige Mitarbeiter am UKM infiziert. Wir haben den dringenden Appell an das Personal gerichtet, die Regeln einzuhalten und sich nicht mehr in privaten Runden zu treffen. Dabei sind wir auf großes Verständnis gestoßen.

Heuer: Bisher ist die Situation in der Verwaltung nicht alarmierend. Wir haben bei unseren 7000 Mitarbeitern bislang 23 bestätigte Infizierte. Dazu muss man sagen, dass allein 20 davon zum Theater Münster gehören. Sie wurden vermutlich von einer einzigen Person angesteckt.

Wie sieht es denn im Krisenstab aus? Wie schützen Sie sich selbst?

Heuer: Wir tagen ab sofort nicht mehr bei der Feuerwehr, sondern im Stadtweinhaus, wo wir in einem großen Saal mit drei Metern Sicherheitsabstand sitzen können. Auch die Mitglieder des Krisenstabs werden getestet. Wir arbeiten daran, die Möglichkeiten für eine Videokonferenz mit vielen Teilnehmern zu verbessern.

Van Aken: Wir haben jetzt den Fall, dass sich jemand aus dem Krisenstab infiziert hat. Die Person mit etlichen Teilnehmern zusammengetroffen. Die Tests bei allen Kontaktpersonen werden mehrmals wiederholt, um sicherzugehen, dass keine Infektion vorliegt.

Was ist jetzt die vordringliche Aufgabe?

Heuer: Es geht jetzt vor allem darum, die Kapazität des Gesundheitswesens zu vergrößern und die jetzt angeordneten Maßnahmen in Münster zu überwachen. Eine ganz wichtige Aufgabe sehen wir aber darin, unsere Entscheidungen in der Bevölkerung transparent und nachvollziehbar zu kommunizieren. Solange die Leute nicht verstehen, warum wir zu so drastischen Maßnahmen greifen, wie jetzt schon geschehen, werden diese auch nicht helfen.

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