Verschwörungstheorien zum Coronavirus
Analyse von Facebook-Posts: Wie Alternativmedien Fakten verdrehen

Münster -

Im Zusammenhang mit dem Coronavirus geistern nur wenige Fake News durch die Sozialen Netzwerke. Das haben Wissenschaftler der Uni Münster herausgefunden. Festgestellt haben sie aber auch: Es kommt vermehrt zur Veröffentlichung von Verschwörungstheorien.

Dienstag, 07.04.2020, 16:30 Uhr aktualisiert: 07.04.2020, 18:35 Uhr
Verschwörungstheorien zum Coronavirus: Analyse von Facebook-Posts: Wie Alternativmedien Fakten verdrehen
Prof. Dr. Thorsten Quandt Foto: WWU - Matthias Hangst

In Corona-Zeiten veröffentlichen „alternative Nachrichtenmedien“ wie „Tichys Einblick“, „Achse des Guten“ oder „Die Unbestechlichen“ mehr Verschwörungstheorien, aber nur wenige Fake-News. Das hat ein vierköpfiges Forscherteam der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster (WWU) unter der Leitung von Kommunikationsforscher Professor Thorsten Quandt herausgefunden. 

Das Forscherteam untersuchte laut einer Mitteilung der Uni 120.000 Posts, die von Anfang Januar bis zum 22. März über Facebook veröffentlicht wurden – davon 15.000 von den alternativen Nachrichtenmedien, der Rest von klassischen Medienhäusern. Die Studie ist online erschienen.

Einige dieser Theorien, von denen die Medien raunen und munkeln: Die Chinesen hätten das Virus als Waffe entwickelt, um den Westen zu zerstören. Die Bundesregierung habe bereits 2012 von der bevorstehenden Pandemie gewusst, sie aber vertuscht. Oder: Corona sei nicht gefährlicher als eine ganz normale Grippe. 

Kritik an "alternativen Nachrichtenmedien"

Als „alternative Nachrichtenmedien“ werden Angebote bezeichnet, die sich als kritische Gegenstimme und Korrektiv zu journalistischen „Mainstream-Medien“ verstehen und vor allem online aktiv sind. Sie sind in den vergangenen Wochen vermehrt in die Kritik geraten, da ihnen vorgeworfen wird, die Bevölkerung durch gezielte Falschmeldungen zu gefährden.

„Unsere Analyse zeigt, dass es, anders als Politiker, Journalisten und die Öffentlichkeit vermuten, kein nennenswertes Maß an frei erfundenen Nachrichten gibt. Vielmehr hat sich gezeigt, dass sich die Alternativmedien während der Corona-Krise gerne die Faktenlage zurechtbiegen und Gerüchte sowie einzelne Verschwörungstheorien verbreiten. Diese Medien vermischen in ihren Veröffentlichungen das Leugnen des Klimawandels, die Migrantenkrise, Weltuntergangstheorien und das Coronavirus“, erläutert Thorsten Quandt.

Coronavirus dominiert die Medien

Von den 120.000 Facebook-Posts, die die Wissenschaftler analysiert haben, befassten sich in den drei Monaten rund 20.000 inhaltlich mit dem Coronavirus, heißt es in der Mitteilung weiter. Am Anfang gab es nur wenige Berichte zu diesem Thema, seit März dominiert das Thema dagegen die Berichterstattung – sowohl in den alternativen als auch in den klassischen Massenmedien.

„Die alternativen Medien verbreiten ihre Botschaften subtil in einer harmlos wirkenden Kommunikationsstrategie. Offensichtliche Falschmeldungen passen nicht zu dieser Vorgehensweise. Wir haben jedoch populistische Tendenzen in ihren Beiträgen festgestellt“, betont Thorsten Quandt. „Es gab zahlreiche kritische oder beleidigende Äußerungen gegenüber handelnden Politikern wie beispielsweise Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Damit verfolgen die Alternativmedien das Ziel, langfristig eine kritische Haltung gegenüber Politikern, Flüchtlingen, dem Klimawandel oder schlicht ‚dem System‘ zu schüren.“

Die Themen seien die Alten, neu sei nur, dass jetzt das Coronavirus noch untergemischt werde. Nach Quandts Worten sind Fakenews fabriziert, Verschwörungstheorien hätten aber oft einen wahren Kern und seien schwieriger zu widerlegen. Zwar bewege sich der Anteil der Verschwörungstheorien nur im niedrigen einstelligen Bereich. Allerdings würde das auf Facebook und anderen Känalen publiziert. Und „plötzlich wird daraus eine Wahrheit“, erklärt Quandt.

Verschwörungstheorien über das Virus

Die Auswertung der Facebook-Daten zeigt auch, dass alternative Nachrichtenmedien Verschwörungstheorien über die Herkunft des Coronavirus verbreiten: Die Chinesen hätten zum Beispiel das Virus als Waffe entwickelt, die verbreitet würde, um den Westen zu zerstören. Damit riefen die Alternativmedien eine beachtliche Anzahl von Reaktionen hervor.

„Wir fanden mehrere Fälle, in denen ihre Aussagen an anderer Stelle aufgriffen wurde, beispielsweise in den Youtube-Kanälen von Verschwörungstheoretikern, die als sekundäres Verbreitungssystem dienen. Sie bezeichnen die Botschaften der alternativen Nachrichtenmedien als glaubhaft“, sagt Thorsten Quandt.

Gerade in Krisenzeiten spiegelt sich die Stärke einer Demokratie in ihren offenen und pluralistischen Debatten.

Thorsten Quandt

Die alternativen Medien verbreiten nach den Worten des Wissenschaftlers ihre Botschaften „subtil in einer harmlos wirkenden Kommunikationsstrategie“. Zudem seien Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn häufig kritisiert und beleidigt worden. „Damit verfolgen die Alternativmedien das Ziel, langfristig eine kritische Haltung gegenüber Politikern, Flüchtlingen, dem Klimawandel oder schlicht ‚dem System‘ zu schüren.“ Trotzdem ist Quandt gegen ein Verbot solcher Medien. „Gerade in Krisenzeiten spiegelt sich die Stärke einer Demokratie in ihren offenen und pluralistischen Debatten“, meint er.

In einer zweiten Studie wollen die WWU-Wissenschaftler die Facebook-Veröffentlichungen der klassischen Nachrichtenmedien untersuchen und mit denen der Alternativmedien vergleichen.

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