Interview mit FH-Professor
Wie man mit der Corona-Krise produktiv umgehen kann

Münster -

Schulen, Hochschulen, Betriebe und auch sonst fast alles geschlossen – die Maßnahmen in der Corona-Epidemie belasten die Menschen. Prof. Joachim Gardemann vom Kompetenzzentrum für Humanitäre Hilfe gibt Tipps, wie man mit der Situation produktiv umgehen kann.

Donnerstag, 09.04.2020, 08:00 Uhr
Das Team des Kompetenzzentrums Humanitäre Hilfe der FH Münster (v.l.).: Prof. Dr. Joachim Gardemann, Diplom-Pädagogin Petra Seyfferth, die als Stadtratsmitglied engen Kontakt zu Rat und Verwaltung der Stadt Münster hält, und Dr. Jan Makurat, der als Nachwuchsprofessor von FH Münster und DRK im ständigen Kontakt zu Rettungsdienst, Katastrophenschutz und Daseinsvorsorge steht.
Das Team des Kompetenzzentrums Humanitäre Hilfe der FH Münster (v.l.).: Prof. Dr. Joachim Gardemann, Diplom-Pädagogin Petra Seyfferth, die als Stadtratsmitglied engen Kontakt zu Rat und Verwaltung der Stadt Münster hält, und Dr. Jan Makurat, der als Nachwuchsprofessor von FH Münster und DRK im ständigen Kontakt zu Rettungsdienst, Katastrophenschutz und Daseinsvorsorge steht. Foto: FH/Dzemila Muratovic

Das Coronavirus dominiert die Medien und das gesellschaftliche Leben. Viele empfinden ein Gefühl der Ausweglosigkeit, doch dagegen kann jeder einzelne etwas tun. Was genau, das erläutert Prof. Dr. Joachim Gardemann, Leiter des Kompetenzzentrums Humanitäre Hilfe der Fachhochschule (FH) Münster.

Herr Prof. Gardemann, das gesellschaftliche Leben kommt zum Stillstand, und viele empfinden ein Gefühl der Ausweglosigkeit. Was kann man dagegen tun?

Gardemann: Es stimmt, dieses Gefühl des ohnmächtigen Ausgeliefertseins gibt es tatsächlich. Das zeigen die Erfahrungen aus allen Krisen und Katastrophen der Vergangenheit. In solchen Fällen denken Menschen oft, dass sie nichts tun können als abzuwarten. So ganz stimmt das aber nicht. Denn anstatt dauernd auf unsere Bildschirme und die steigenden Fallzahlen zu starren, sollten wir uns im Rahmen unserer Fähigkeiten und Möglichkeiten für unsere leidenden und bedrängten Mitmenschen einsetzen.

Wie könnte das konkret aussehen?

Gardemann: Momentan ist vor allem Nachbarschaftshilfe gefragt. Zeigen Sie Solidarität und Mitmenschlichkeit. Gerade die Menschen in der häuslichen Absonderung freuen sich über einen Anruf, ein Skype-Gespräch oder ein Paket mit Dingen des täglichen Bedarfs, das Sie vor die Tür stellen. Durch solches Handeln kann jeder die Betreuungsdienste der Hilfsorganisationen entlasten, die dadurch andere, drängende Aufgaben übernehmen. Besonders gefordert sind aber auch Bildungseinrichtungen, wie zum Beispiel unsere Hochschule.

Inwiefern?

Gardemann: Wir müssen angesichts der gegenwärtigen Gefahr handeln und unseren Sachverstand der Allgemeinheit zur Verfügung stellen. Ob es dabei um Fragen der psychosozialen oder pflegerischen Betreuung abgesonderter Personengruppen, um ihre hauswirtschaftliche Versorgung geht, um die Gestaltung von Informationsmaterial oder die materialtechnische Untersuchung zur möglichen Wiederverwendbarkeit von Schutzausrüstung: Jeder Fachbereich und jeder einzelne Hochschulangehörige kann einen wertvollen Beitrag liefern.

Das geht ja auch im Privaten, zum Beispiel durch Zurückhaltung beim Einkaufen.

Gardemann: Absolut! Natürlich ist es immer sinnvoll, ein paar Grundnahrungsmittel auf Vorrat zu Hause zu haben. Aber derzeit besteht überhaupt keine Veranlassung für panische Hamsterkäufe. Diese sehe ich ohnehin eher als verzweifelte Versuche der Angstbewältigung an. Es geht aber nicht nur um das Einkaufen. Solidarität bedeutet auch: Schutz Betroffener vor Ausgrenzung und Stigmatisierung. Im Sinne des humanitären Prinzips der Unparteilichkeit muss unsere Fürsorge jedem Menschen alleine nach dem Maß der Not gelten und ungeachtet der Tatsache, wie diese Not entstanden ist. Wir müssen uns mit all unseren Mitteln dagegenstemmen, dass Kontaktpersonen, Bewohner der Risikogebiete oder Erkrankte sich Vorwürfen wegen ihrer Herkunft oder Reisetätigkeit ausgesetzt sehen. Jeder infizierte oder erkrankte Mitmensch verdient unsere uneingeschränkte Solidarität und Fürsorge.

Das Coronavirus SARS-CoV-2 ist bei weitem nicht so ansteckend wie die Masern und bei weitem nicht so gefährlich wie Ebola. Schutz ist trotzdem wichtig. Wie gelingt dieser am besten?

Gardemann: Gegen eine Tröpfcheninfektion wie bei SARS-CoV-2 kann man sich durch die Einhaltung basaler Hygieneregeln sehr gut schützen. Ganz anders wäre die Situation bei einer fliegenden Infektion wie Masern oder Windpocken, wo nur ein völlig luftdichter Kunststoffanzug mit integrierter Atemluftzufuhr Sicherheit bieten würde. Die bisher bekannte Sterblichkeitsrate von SARS-CoV-2 führt natürlich angesichts der hohen Infektionsrate zu zahlreichen schwierigen Verläufen, liegt aber ganz deutlich unter der Letalitätsrate anderer viraler Erkrankungen wie zum Beispiel Ebola. Unsere alltägliche Lebensgestaltung eröffnet uns vielfältige Möglichkeiten der Infektionsverhütung, daher sind wir dieser Krankheit nicht schutzlos und bei Ansteckung auch nicht hoffnungslos ausgeliefert.

Fast schon hoffnungslos erscheint aber die Lage, wenn das gesellschaftliche Leben so stark eingeschränkt wird, wie das aktuell der Fall ist.

Gardemann: Diesen Eindruck könnte man gewinnen. Aber tatsächlich erzeugen die verordneten Maßnahmen zur Infektionseindämmung – die aus meiner Sicht übrigens richtig und wichtig sind – nicht nur gesellschaftliche Probleme. Sondern sie setzen auch große gesellschaftliche Kräfte frei. Die weitgehende Einschränkung des Kita- und Schulbetriebes entbindet eine sehr große Zahl pädagogisch geschulter Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von ihren täglichen Aufgaben. Dadurch ist es möglich, diesen Sachverstand in der Betreuung und pädagogischen Fürsorge Betroffener und Abgesonderter sinnstiftend einzubringen. Ebenso befreit die Verlegung des Vorlesungsbetriebes die Studierenden der Medizin und der Pflege- und Gesundheitsberufe von ihren Pflichtveranstaltungen. Sie sind dadurch wertvolle Reserve von gesundheitlichem Assistenzpersonal – zum Beispiel für die Krankenhäuser und die Organisationen der Daseinssicherung. Ebenso können jetzt die für den Lehrbetrieb angeschafften Beatmungseinrichtungen an Hoch- und Rettungsschulen zentral erfasst und den Kliniken für Zeiten der Maximalauslastung zur Verfügung gestellt werden.

Die wichtigsten Infos zum Coronavirus

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  • Immer mehr neue Fälle und Nachrichten rund um das neue Coronavirus Sars-CoV-2 - auch in Deutschland. Doch woran erkenne ich eine Infektion? Und was mache ich dann?

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Woran erkenne ich eine Infektion?

    Die Symptome der von dem Virus verursachten Erkrankung Covid-19 (für Corona virus disease 2019) sind laut Robert-Koch-Institut (RKI) Fieber, trockener Husten, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen sowie Schüttelfrost wurde berichtet. Einige Betroffene leiden zudem an Übelkeit und Durchfall. Damit ist es für Laien unmöglich, die Krankheit von der regulären Grippe oder einem grippalen Infekt zu unterscheiden, erklärt Oliver Witzke, Direktor der Klinik für Infektiologie der Universitätsmedizin Essen. Bei einem schwereren Verlauf sind Atemprobleme oder eine Lungenentzündung möglich.

    Foto: dpa
  • Wie gefährlich ist Covid-19?

    Die Krankheitsverläufe variieren laut Robert-Koch-Institut stark, von symptomlosen Verläufen bis hin zu schweren Pneumonien mit Lungenversagen und Tod. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO verläuft die Krankheit gerade bei Kindern und jungen Erwachsenen mild. Insgesamt erkrankt nach WHO-Angaben etwa jeder fünfte Infizierte so schwer, dass er im Krankhaus behandelt werden müsse.

    Foto: dpa (Symbolbild)
  • Wie wird das Virus übertragen?

    Das neue Coronavirus ist von Mensch zu Mensch übertragbar. Der Hauptübertragungsweg ist die Tröpfcheninfektion. Dies kann direkt von Mensch-zu-Mensch über die Schleimhäute geschehen oder auch indirekt über Hände, die dann mit Mund- oder Nasenschleimhaut sowie die Augenbindehaut in Kontakt gebracht werden.

    Es wurden auch Fälle bekannt, in denen sich Personen bei Betroffenen angesteckt haben, die nur leichte oder unspezifische Krankheitszeichen gezeigt hatten. Die Viren wurden auch in Stuhlproben einiger Betroffener gefunden. 

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  • Wie lange dauert die Inkubationszeit?

    Die Inkubationszeit, also die Zeit von der Ansteckung mit den Viren bis zum Ausbruch der Krankheit, kann nach Einschätzung des Robert-Koch-Instituts bis zu 14 Tage betragen. Im Durchschnitt beträgt sie der WHO zufolge 5 bis 6 Tage.

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  • Welche Verhaltensregeln gibt es?

    Personen, die (unabhängig von einer Reise) einen persönlichen Kontakt zu einer Person hatten, bei der das SARS-CoV-2-Virus im Labor nachgewiesen wurde, sollten sich unverzüglich und unabhängig von Symptomen an ihr zuständiges   Gesundheitsamt  wenden. Ansonsten gilt: Hände waschen und Abstand halten. Die seit dem 23. März bundesweit geltenden Verordnungen sehen unter anderem vor, dass sich in der Öffentlichkeit niemand in größeren Gruppen als zwei Personen aufhalten darf. Das Haus darf zum Beispiel nur für den Weg zur Arbeit, zum Einkaufen, zum Arzt oder für Spaziergänge (oder Joggen) verlassen werden.

    Personen, die sich in einem  vom RKI ausgewiesenen Risikogebiet  aufgehalten haben, sollten – unabhängig von Symptomen – unnötige Kontakte vermeiden und nach Möglichkeit zu Hause bleiben.

    Foto: dpa
  • Wenn Sie Symptome feststellen... 

    Betroffene sollten vor dem Gang zur Haus- oder Kinderarztpraxis unbedingt dort anrufen. Am Telefon wird das weitere Vorgehen und tatsächliche Risiko beraten. Möglich ist ein Selbsttest (Abstrich) daheim, wenn der Mediziner eine entsprechende Veranlassung sieht.

    Wer einen begründeten Verdacht hat, mit Sars-CoV-2 infiziert zu sein, sollte Kontakte meiden und zu Hause bleiben - wie auch bei der Grippe.

    Foto: dpa
  • Welche Vorsichtsmaßnahmen sollte man ergreifen?

    Wichtig außerdem, und zwar für alle: Gute Handhygiene, also regelmäßiges Waschen mit Seife. Zudem sollten die Hände vom eigenen Gesicht ferngehalten und aufs Händeschütteln verzichtet werden. Wichtig auch: Richtiges Husten und Niesen - in ein Einmaltaschentuch oder die Armbeuge also. Geschlossene Räume sollte man regelmäßig lüften.

    Foto: dpa
  • Brauche ich Atemmasken und Desinfektionsmittel?

    Atemmasken sind für gesunde Menschen nicht vorgeschrieben. Allerdings gibt es zurzeit eine Debatte, ob sie nicht doch hilfreich sind, das Virus von einer Verbreitung abzuhalten. Die Stadt Jena in Thüringen hat sie inzwischen vorgeschrieben.

    Foto: dpa
  • Noch Fragen?

    Das Robert-Koch-Institut hat eine Liste mit Antworten auf häufig gestellte Fragen zum Coronavirus zusammengestellt.

    Weitere Informationen gibt es hier:

    Hotline der Stadt Münster: 0251/4921077 (Mo-Mi 8-17, Do 8-18, Fr 8-12)

    Patientenhotline der Kassenärztlichen Vereinigung: 116117

    Hotline der Bezirksregierung für Schulfragen: 0251/4114198 (Mo-Fr 8-16)

    Bürgertelefon des NRW-Gesundheitsministeriums 0211/8554774 (Mo-Fr 8-18 Uhr)

    Hotline des Bundesministerium für Gesundheit: 0800/0117722 (Mo-Do 8-18, Fr 8-12; unabhängige Patientenberatung)

    Foto: dpa
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