Handlungsbedarf in Pflege- und Seniorenheimen
Es geht um den Patienten-Willen

Münsterland -

Die Covid-19-Krise stellt auch in Deutschland die Gesellschaft, ihre Bürger und ihre Experten vor eine Reihe massiv bedrückender Herausforderungen. Eine davon ist die Durchseuchung vieler Seniorenheime und Pflegeeinrichtungen. In NRW sollen sich über 40 Prozent der bisherigen Covid-19-bedingten Todesfälle in Pflegeheimen ereignet haben.

Samstag, 11.04.2020, 18:30 Uhr aktualisiert: 11.04.2020, 18:50 Uhr
Alte Menschen
Alte Menschen in Seniorenheimen leiden in Zeiten der Corona-Pandemie besonders unter Kontaktarmut. Foto: imago-images

Nicht nur im Ausland, auch hierzulande sind die Bewohner unserer zirka 14 000 Seniorenheime hochgradig gefährdet, weil gerade dort Schutzmaßnahmen besonders schwierig durchzusetzen sind. Und weil gerade für diese ohnehin oft kranken und fragilen Menschen eine Ansteckung besonders gefährlich wird. Auch in Münster mit seinen etwa 70 Heimen machen sich Pflegeverbände, Palliativmediziner und Politik zunehmend Gedanken darüber, welche konkreten Konsequenzen zu ziehen sind.

Intensivmediziner sehen es mit größter Sorge, dass auch ins Universitäts­klinikum immer mehr Heimbewohner eingewiesen werden, die davon gar nicht profitieren können. Hinterher dürfen sie dann aus Quarantänegründen unter Umständen nicht mehr in ihre Einrichtungen zurück.

Die wichtigsten Aufgaben

Ganz grob müssen zum Wohl von Seniorenheim-Bewohnern vier Hauptprobleme gemeistert werden:

1. Dem Einschleppen und Weitergeben des Coronavirus muss möglichst gut vorgebeugt werden. Hierzu dienen hohe Hygienestandards, die Vollausstattung des Pflegepersonals mit Schutzkleidung und Gesichtsmasken, frühes Testen und räumliches Separieren, eine möglichst weit gehende Umsetzung des körperlichen Abstandsgebots und – leider – auch Besuchsverbote.

2. Es muss der sozialen Vereinsamung, die aus Besuchs- und Ausgehverboten resultieren kann, kreativ begegnet werden. Gerade am Lebensende sind Aspekte medizinischer Versorgung wichtig, aber nicht notwendigerweise das Allerwichtigste. Alleingelassen zu werden, vielleicht ohne zu verstehen, warum; auf gewohnte Treffen und Rituale in Gemeinschafts­räumen zu verzichten; liebste Besucher zu vermissen: Das alles kann „von innen“ noch viel schmerzlicher sein, als wir es uns „von außen“ vorstellen wollen. Die individuell angepasste Nutzung alternativer Kommunikations- und Un­terhaltungsmittel – vom gestreamten Zimmer-Radio bis zur Telefon-Patenschaft – wäre hier ebenso hochwillkommen wie der Einsatz freiwilliger Helfer, die bereits eine Corona-Immunität vorweisen können. Hier sind kommunale Hilfe und Fantasie gefordert.

3. Es muss spätestens jetzt für möglichst jeden individuellen Bewohner geklärt werden, ob er im hypothetischen Fall einer schwereren Covid-19-Erkrankung in ein Krankenhaus würde verlegt und ggf. intensivmedizinisch behandelt werden wollen. Und vor einer Einweisung: Ob aus medizinischer Sicht eine Erfolgschance auf Überleben dieser Behandlung bestünde.

4. Es müssen Vorkehrungen für den Fall getroffen werden, dass in manchen Einrichtungen zahlreiche Patienten gleichzeitig an einer Covid-19-Lungenentzündungerkranken und sterben könnten. Dafür bedürfen sie zuverlässig einer medizinisch wie menschlich guten palliativen Betreuung.

Höchste Priorität: Versorgungsampel und Palliativmedizin

Auch in Zeiten vor der Covid-19-Seuche haben Patienten im Voraus verfügt, wie sie an ihrem möglichen Lebensende behandelt werden wollen (Stichworte: Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht). Angesichts wachsender technischer Möglichkeiten der Lebensverlängerung trotz Multimorbidität und Siechtum sind diese Fragen für viele Menschen zunehmend dringlich geworden. Die chancenarme Intensivbehandlung einer sehr schweren Lungenentzündung, wie sie Covid-19 gerade bei gebrechlichen Patienten mit sehr beeinträchtigenden Vorerkrankungen bewirken kann, ist hier gewiss ein paradigmatischer Fall für eine Verzichtsentscheidung. Würden die Betroffenen selber einen Versuch der Intensiv- und Beatmungstherapie unternehmen wollen?

Um genau diese Frage nach dem aktuellen, verfügten oder mutmaßlichen Willen jedes individuellen Patienten zu klären (würde sie, würde er sich bei einer Covid-19-Lungenentzündung überhaupt in intensivmedizinische Therapie begeben wollen?), muss man jetzt aktiv werden. Muss man spätestens jetzt vorsorglich nachhaken, wenn der Respekt vor Selbstbestimmung mehr als nur ein Lippenbekenntnis sein soll. Einwilligungsfähige Patienten müssen aufgeklärt und gefragt, Patientenverfügungen interpretiert, Angehörige konsultiert werden.

Solche geballten Aktivitäten mögen taktlos erscheinen – als seien sie auf ein Nein erpicht, um so drohende Versorgungsengpässe abzufedern. Sie sind es aber nicht. Sie sind in höchstem Maße patientendienlich und haben mit Knappheit nur indirekt zu tun. Denn immerhin wäre es zudem un­glücklich und unfair, sterbewillige Patienten auf Kosten lebenswilliger zu behandeln. Letztendlich ist die letzte Äußerung des Patienten über seinen Willen, unabhängig vom ärztlichen Rat, immer zu respektieren. Diesen Hintergrund glaubwürdig zu kommunizieren, erfordert den Einsatz sensibler Angehöriger, den Patienten bekannter Mitarbeiter der Pflege, Hausärzte oder Palliativmediziner. Und zwar so schnell wie möglich.

In einem vorgelagerten Schritt müssten diese Ärzte zudem klären, ob es überhaupt eine realistische Chance aufs Überleben einer Intensivtherapie gäbe. Denn ohne Aussicht darauf, dieses Ziel zu erreichen, wäre die Behandlung unsinnig, müssten stattdessen palliative Ziele die Richtung vorgeben. Das Ergebnis dieses Klärungsprozesses wäre in ei­nem nächsten Schritt eindeutig zu dokumentieren. So, dass in Notfall- oder Stresssituationen, etwa am Wochenende, keine ungewollten Krankenhauseinweisungen erfolgen, erst gar keine Rettungswagen bestellt werden. Als Klärungs- und Dokumentations-Tool wäre hier etwa die sogenannte Palliativ-Ampel einzusetzen, wie sie die Deutsche Palliativstiftung entwickelt hat und zur Verfügung stellt ( www.palliativstiftung.de )

Überhaupt sind es gegenwärtig gerade Palliativ­mediziner, die aufgrund ihrer Erfahrung mit Sterbenden, Hochbetagten und Schwerstkranken die richtigen Weichenstellungen und Einschätzungen anmahnen: So tragisch die Covid-19-Seuche als Ganzes ist, muss dennoch der Tod an einer Lungenentzündung in hohem Alter nicht in jedem Einzelfall bekämpft werden. Vielmehr kann er ebenso dem Willen eines konkreten Patienten entsprechen wie das Zulassen jeder anderen tödlichen Lungenentzündung, wenn er denn ohne Schmerzen oder Atemnot erfolgt. Dann aber muss für eben diese Menschen eine optimale Palliativversorgung, z.B. mit Opiaten, Sauerstoff und natürlich geschultem Personal, in hinreichender Menge und Zahl zuverlässig vor Ort sein – anders als z.T. in den Horrorszenarien spanischer Altenheime. Dafür könnte die Zeit eilen.

Zum Thema

Prof. Dr. Hugo Van Aken ist Ärztlicher Direktor am Universitätsklinikum Münster, Prof. Dr. Bettina Schöne-Seifert ist Leiterin des Instituts für Ethik, Geschichte und Theologie der Medizin an der Medizinischen Fakultät

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