Prof. Dr. Hans Hermann Wickel über Musik in Corona-Zeiten
Wie ein Antidepressivum ohne Nebenwirkungen

Münster -

Fast jeder tut es – sei es in der Kirche, auf Konzerten, im Chor oder nur unter der Dusche: Singen. Für Prof. Dr. Hans Hermann Wickel von der Fachhochschule Münster kommt dem Singen gerade in Corona-Zeiten eine „heilende“ Aufgabe zu. Im Interview spricht er von einem Antidepressivum, das ganz ohne Nebenwirkungen auskommt.

Freitag, 01.05.2020, 18:00 Uhr aktualisiert: 03.05.2020, 16:36 Uhr
Singen verbindet, nimmt Ängste und ist in vielerlei Hinsicht gesund. Das wussten die Menschen auch schon vor der Corona-Pandemie zu schätzen – wie hier beim Offenen Singen in der Hiltruper Clemenskirche.
Singen verbindet, nimmt Ängste und ist in vielerlei Hinsicht gesund. Das wussten die Menschen auch schon vor der Corona-Pandemie zu schätzen – wie hier beim Offenen Singen in der Hiltruper Clemenskirche. Foto: pd

Man hört es zurzeit vielerorts – Menschen singen. Nachbarschaftssingen von Balkon zu Balkon, musikalische Botschaften, die per Lautsprecher im öffentlichen Raum durchgegeben werden, oder virale Gemeinschaftssongs. Wie diese musikalischen Phänomene in der jetzigen Krisenzeit zu erklären sind, darüber spricht Prof. Dr. Hans Hermann Wickel von der Fachhochschule Münster im Interview.

 

Prof. Dr. Wickel, wie kommt es, dass sich zurzeit viele Menschen musikalisch zusammentun?

Wickel: Joachim Gauck hat mal in einem Vortrag gesagt, dass wir beim Singen „in ein größeres Wir“ einstimmen. Durch das Singen kommen wir über weite Entfernung zusammen. Das geht nur mit Musik und ihrer Lautstärke – von Balkon zu Balkon, online per Videochat oder für uns selbst zu Hause. Wir kommen durch das Musizieren in einen „Groove“. Der Herzschlag synchronisiert sich schon nach wenigen Minuten, und man kommt in gemeinsame Schwingungen, was anhand des Pulsschlags eindeutig messbar ist.

Man könnte also sagen, dass das Singen ein Gefühl von Zusammengehörigkeit schafft?

Wickel: Ja, gemeinsames Singen bringt Menschen zusammen. Das kennen wir von Fangesängen im Fußballstadion oder vom Karneval. Ein einfaches Beispiel ist auch das Schlaflied, das die Mutter ihrem Baby vorsingt. Es sorgt für Nähe und Verbindung, auch wenn gerade kein körperlicher Kontakt hergestellt ist. Singen war schon evolutionär von Bedeutung, hat Gruppen zusammengeschweißt, stark gemacht und so fürs Überleben gesorgt.

Wie kann Singen beim Überleben helfen? Können Sie das genauer erklären?

Wickel: Ja, dafür gibt es viele Beispiele. Die verschütteten Bergleute in der chilenischen Wüste haben gesungen, um sich Mut zu machen. Menschen, die in Notsituationen ohne Narkose operiert werden müssen, versuchen Schmerzen wegzusingen. Mein Kollege Prof. Gardemann vom Kompetenzzentrum für Humanitäre Hilfe hat erzählt, dass beim Erdbeben in Haiti verschüttete Menschen nachts gesungen hätten, um sich Mut zu machen und die Hoffnung nicht aufzugeben. Singen hilft insofern, als es Angst abwehren und Zuversicht und Geborgenheit schaffen kann. Es kann Emotionen wecken und ausdrücken – beides ist in Krisensituationen oft verbindend. Es gibt Studien, dass Menschen in keinem anderen Kontext so schnell Vertrauen zueinander finden wie beim gemeinsamen Singen. Das bezeichnet man als soziales Resonanzphänomen.

Sie sagten, dass Singen Emotionen wecken kann. Können Sie beschreiben, welche Vorgänge dabei im menschlichen Körper ablaufen?

Wickel: Gemeinsames Singen wirkt quasi wie ein „Antidepressivum“. Das Beste daran: Es ist ohne Nebenwirkungen. Es führt zu einer Reduktion des Stresshormons Adrenalin. Gleichzeitig wirkt es wie eine Art Glückscocktail durch die Ausschüttung von Botenstoffen, wie beim Joggen. Dadurch wirddas gehirneigene Belohnungssystem aktiviert. Positive Veränderungen wurden nachweislich gemessen in Parametern wie Blutdruck, Herzfrequenz, Sauerstoffverbrauchund Hormonspiegel.

Würden Sie also sagen, Singen ist und macht gesund?

Wickel: Singen kann man als Stütze des Immunsystems bezeichnen. Denn die Abwehrstoffe im Speichel schützen die oberen Atemwege. Sie werden beim Singen vermehrt produziert. Es wird mehr Druck als beim Sprechen ausgeübt, und die Tröpfchen – Aerosole genannt – sprühen dadurch auch intensiver. Beim Singen sollte man daher natürlich auch Abstand voneinander halten. Insofern ist Singen von Balkon zu Balkon oder von Bildschirm zu Bildschirm schon eine sehr geeignete und sichere Form.

Haben Sie einen musikalischen Tipp für zu Hause?

Wickel: Beim Singen werden an die 70 Muskeln aktiviert. Die Kontrolle darüber ist also Hochleistungssport für unser Gehirn. Eine schöne sportliche Bestätigung für zu Hause, die man auch ganz einfach in den Pausen im Homeoffice machen kann, ohne dass man danach eine Dusche braucht.

Zur Person

Prof. Dr. Hans Hermann Wickel lehrt im Bereich der Weiterbildung und ist emeritierter Musikwissenschaftler vom Fachbereich Sozialwesen der FH. Wickel hat die Fachdisziplin Musikgeragogik mitgeprägt und ist Gründungsmitglied sowie Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Musikgeragogik.

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