Erkrankte rufen aus Corona-Angst nicht an
Notruf: Gefährliche Zurückhaltung

Münster -

Im Clemenshospital ist die Zahl der Patienten mit einem Schlaganfall um etwa ein Drittel zurückgegangen. Einen ähnlichen Rückgang gibt es bei Herzinfarkten. Offenbar rufen Patienten derzeit aus Angst vor Corona seltener den Rettungsdienst.

Montag, 11.05.2020, 10:00 Uhr
Prof. Dr. Olaf Oldenburg (l.) und Priv.-Doz. Dr. Martin Ritter (r.) beunruhigt ein deutlicher Rückgang der Notfallpatienten.
Prof. Dr. Olaf Oldenburg (l.) und Priv.-Doz. Dr. Martin Ritter (r.) beunruhigt ein deutlicher Rückgang der Notfallpatienten. Foto: Alexianer

Aktuell ist weltweit ein Trend zu beobachten, der Mediziner auch hierzulande alarmiert: viele Menschen rufen trotz schwerwiegender körperlicher Probleme nicht den Rettungsdienst. „Im Clemenshospital ist die Zahl der Patienten mit einem Schlaganfall um rund 30 Prozent zurückgegangen, aus den anderen Kliniken unserer Stadt höre ich Ähnliches“, berichtet Priv.-Doz. Dr. Martin Ritter, Chefarzt der Klinik für Schlaganfall- und Beatmungsmedizin. Sein Kollege Prof. Dr. Olaf Oldenburg beo­bachtet laut einer Pressemitteilung der Einrichtung bei Herzinfarkten einen ähnlichen Effekt: „Nach etwa 14 Tagen haben wir gesagt, dass hier etwas nicht stimmen kann“, erinnert sich der Chefarzt der Klinik für Kardiologie des Clemenshospitals.

Sorge vieler Menschen

Grund hierfür ist nicht etwa eine gesündere Bevölkerung, sondern die Sorge vieler Menschen vor einer Infektion mit dem Coronavirus im Krankenhaus. Auch der Wunsch, schwer erkrankten Covid-19-Patienten nicht das Bett und die Pflegekraft wegnehmen zu wollen, scheint viele Betroffene dazu zu bringen, die Alarmsignale aus dem Körper zu ignorieren. „Es kommen insgesamt weniger Patienten mit Schlaganfall und Herzinfarkt zu uns, dafür ist aber die Zahl derjenigen, die in einem sehr schlechten gesundheitlichen Zustand oder sogar unter Wiederbelebung mit dem Notarztwagen gebracht werden, deutlich angestiegen“, warnen die Experten.

Ein Fehler, der tödlich enden kann, wie Oldenburg und Ritter berichten: „Wir hatten einen Patienten, der tagelang seine Herzprobleme ignoriert hat, dann bei der Arbeit zusammengebrochen ist und von seinen Kollegen wiederbelebt werden musste“, berichtet Prof. Dr. Olaf Oldenburg. Auch Priv.-Doz. Dr. Martin Ritter musste Notfallpatienten mit einem Schlaganfall behandeln, bei denen zu viel Zeit verstrichen war, um noch rettend eingreifen zu können. Eindringlich appellieren die Chefärzte, Warnsignale aus dem Körper ernstzunehmen und nicht zu zögern, den Notruf zu wählen.

"Aufklärungsrabeit zunichte gemacht"

„Wir befürchten, dass 15 Jahre medizinische Aufklärungsarbeit durch die Corona-Pandemie zunichte gemacht wurden“, erklären Oldenburg und Ritter und bekräftigen, dass sowohl diverse Schutzmaßnahmen als auch die klare räumliche und personelle Trennung im Clemenshospital zwischen Patienten mit und ohne Covid-19-Infektion eine Ansteckung nahezu unmöglich machen. Das Schwesterkrankenhaus, die Raphaelsklinik, sei sogar frei von Corona-Patienten. „Rufen Sie den Rettungsdienst, lieber ein Mal zu oft als ein Mal zu spät“, so der Rat der Experten.

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