Therapie am UKM
44-Jährige kämpft mit Nano-Trojanern gegen Hirntumor

Münster -

Vor knapp einem Jahr erhält Tanja Jäger die Diagnose: bösartiger Hirntumor. Aufgeben kommt für die heute 44-Jährige nicht in Frage. Ein Teil ihrer Therapie am Hirntumorzentrum des UKM setzt auf winzige Kügelchen - und Wärme.

Donnerstag, 04.06.2020, 12:00 Uhr
Therapie am UKM: 44-Jährige kämpft mit Nano-Trojanern gegen Hirntumor
„Ich habe mich fürs Kämpfen entschieden“: Tanja Jäger (Mitte) mit Dr. Dorothee Wiewrodt und Dr. Michael Schwake. Foto: UKM/Deiters-Keul

„Ich habe mich fürs Kämpfen entschieden – für meine Familie und mich!“ Tanja Jäger erhielt im August vergangenen Jahres eine niederschmetternde Diagnose: ein Glioblastom im vorderen Stirnlappen. Glioblastome zählen laut einer Pressemitteilung des Universitätsklinikum Münster (UKM) zu den häufigsten und zugleich bösartigsten Hirntumoren bei Erwachsenen. Die Prognosen für die als nahezu unheilbar geltende Krebserkrankung sind sehr schlecht.

Aufgeben kam für die 44-Jährige trotzdem nicht in Frage. Auch nicht, als nach Operation und anschließender Strahlentherapie der Tumor im Januar erneut zu wachsen begann. Bei ihrer Suche nach weiteren Behandlungsoptionen stieß sie auf die sogenannte "NanoTherm"-Therapie und kam dafür ans Hirntumorzentrum des UKM.

Tumore kehren häufig zurück

„Glioblastome kommen fast immer wieder – meistens in unmittelbarer Nachbarschaft des alten Tumors“, sagt Dr. Michael Schwake, Oberarzt in der dortigen Klinik für Neurochirurgie. „Ziel der Behandlung ist es, diese sogenannten Rezidive möglichst lange zu verhindern und den Betroffenen weitere Lebenszeit bei gleichzeitiger Lebensqualität zu ermöglichen.“

Bei der "NanoTherm"-Therapie werden winzige Eisenoxidkügelchen quasi als Trojaner in Nanogröße in das bösartige Gewebe gespritzt oder – wie bei Tanja Jäger – während der OP zur möglichst vollständigen Tumorentfernung direkt in den betroffenen Bereich „eingeklebt“. Diese Partikel lassen sich anschließend während sechs einstündiger Sitzungen durch ein von außen angelegtes, schnell wechselndes Magnetfeld aktivieren.

Das Prinzip funktioniert ähnlich wie bei einem Induktionsherd.

Dr. Michael Schwake

Sie geraten in Schwingung, und die so entstehende Reibung erzeugt Hitze. Durch diese sollen die Tumorzellen entweder zerstört oder für zusätzliche Behandlungsansätze wie Strahlen- oder Chemotherapie sensibilisiert werden. „Das Prinzip funktioniert ähnlich wie bei einem Induktionsherd“, erklärt Schwake. „Durch das Magnetfeld erhitzt sich lediglich das Metall auf rund 45 Grad Celsicus“, so der Neurochirurg. Im benachbarten gesunden Gewebe steige die Temperatur nur unwesentlich an.

„Wir haben mit der Wärmetherapie noch kein Heilmittel für das Glioblastom“, betont der Mediziner. „Es handelt sich dabei vielmehr um eine zusätzliche Behandlungsoption, wenn die Standardtherapien alleine nicht mehr die gewünschte Wirkung erzielen.“ Sie komme aber nur für bestimmte Patienten in Betracht. Die Methode ist zwar zugelassen, die Krankenkassen zahlen die Behandlung aber nur im Einzelfall. Zudem müssen vor Therapiebeginn alle Metall-Implantate und -Zahnfüllungen in einem Sicherheitsabstand von rund 40 Zentimetern entfernt bzw. ausgetauscht werden.

Die Diagnose ‚Hirntumor‛ und die nachfolgenden Therapien sind für die Betroffenen häufig sehr belastend.

Privat-Dozentin Dr. Dorothee Wiewrodt

„Die Diagnose ‚Hirntumor‛ und die nachfolgenden Therapien sind für die Betroffenen häufig sehr belastend“, weiß auch Schwakes Kollegin Privat-Dozentin Dr. Dorothee Wiewrodt, Neurochirurgin und Psychoonkologin im Hirntumorzentrum. „Frau Jäger hat alle Kräfte mobilisiert und in den vergangenen Wochen sowohl Operation, Strahlen- und NanoTherm-Therapie als auch die durch schlechte Blutwerte zwischenzeitlich notwendige Isolation durchgestanden“, so Wiewrodt.

Die strengen Besuchsregelungen in Zeiten der Corona-Pandemie seien für viele Patienten eine zusätzliche Belastung. „Um in meiner Nähe sein zu können, waren mein Mann und meine 13-jährige Tochter in einer Ferienwohnung in Münster untergebracht, durften mich zwischenzeitlich aber nicht besuchen“, erzählt Jäger, die ausgerechnet aus dem Risikogebiet Kreis Heinsberg stammt.

Familie als wichtige Stütze

„Die Familie ist meine wichtigste Stütze“, ist sie erleichtert, dass es ihr direkt nach Therapie-Ende jetzt wieder so gut geht, dass sie zu ihrem Mann und ihrer Tochter zurückkehren kann und sogar bereits Pläne für gemeinsame Wandertouren in der nahegelegenen Eifel schmiedet.

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